Die Waffen des Ryûkyû Kobudô:
Teil 1 - ,, Hanbô, Nitanbô, Kai

– verfasst von Matthias Golinski –


 

Der Langstock (okinaw: Kon) ist als Verteidigungsinstrument in nahezu allen Kulturen der Welt bekannt. Er ist wahrscheinlich die älteste Waffe des Kobudô der Ryûkyû-Inseln. Der Begriff bedeutet im japanischen schlicht „Stock“ oder „Stab“ und umfasst eigentlich keine bestimmte Länge. Heute meint man mit der Bezeichnung aber zumeist den Rokushakubô, einen Langstock von 6 Shaku Länge. Ein Shaku besteht aus 10 Sun, wobei ein Sun 3,03 cm misst. Demnach wäre ein Rokushakubô streng genommen genau 182 cm lang. Allerdings werden heute nahezu alle Stöcke von 180 bis 200 cm Länge als bezeichnet.

Außer über die Länge werden die Stöcke auch anhand ihrer Form unterschieden. Am weitesten verbreitet sind wohl der runde Marubô und der Takebô (aus Bambus). Ebenfalls häufig zu finden sind auch der Rokkakubô (sechskantig) und der Hakkakubô (achtkantig). Eher selten findet sich der quadratische Kakubô, wobei dieser besonders durch seine harten Kanten interessante Einsatzmöglichkeiten bietet.

Während der klassisch japanische durchweg zylindrisch geformt ist, verläuft die okinawanische Variante bikonisch. Während der Stockmittelteil (Chukon-Bu) einen Durchschnitt von ca. 3 cm aufweist, verjüngt sich der Stock zu den Enden (Kontei) hin um ein Sechstel, auf ca. 2,5 cm. Durch diese spezielle Form wird die Energie auf eine kleinere Auftrefffläche (Monouchi) konzentriert und verursacht so einen höheren Effekt.

Allerdings wird heutzutage auch in den okinawanischen Künsten häufig die zylindrische Form verwendet.

 

Im Gegensatz zu japanischen Stockkampfschulen wurden die Systeme Okinawas wesentlich von den chinesischen Methoden des Stockkampfs (Kunpo) geprägt. So weisen die heute noch existierenden, klassisch-okinawaischen Schulen, wie etwa das Yamanne-Ryû Bôjutsu, viele zirkuläre und fließende Bewegungen auf. Diese Art der Stockführung erinnert allein optisch stark an die chinesischen Schulen. Außerdem spricht auch die Ähnlichkeit der okinawanischen Bezeichnung ‚Kon' und dem chinesischen Begriff für ‚Stock' (K'un oder Gun) für diese Verbindung.

Auf Okinawa hat sich über die Jahrhunderte eine Vielzahl an verschiedenen Schulen herausgebildet. Für keine andere Waffe des Ryûkyû Kobudô existieren heute noch derartig viele historisch überlieferte Formen. Ein Grund für diesen Umstand mag die Tatsache sein, dass der in den meisten Systemen als klassische Einstiegswaffe unterrichtet wird. Durch seine Struktur ist er, besonders für ungeübte Benutzer, wesentlich einfacher zu kontrollieren als andere Waffen wie etwa Sai (Dreizack), Nichogama (Zwei Sicheln) oder der Nunchaku (Dreschflegel).

Die einzelnen Stockkampf-Schulen und Formen werden häufig schlicht nach ihrem Begründer benannt. So nennt man etwa die überlieferte Stockkampfart von Meister Chatan Yara (1740-1812) einfach ‚Chatan Yara no kon'. Weitere klassische Stockkampf-Kata sind etwa: Chinen Shikiyanaka no kon, Sakugawa no kon (Sho), Shushi no kon (Sho, Dai), Soeishi no kon, Sueyoshi no kon, Tokumine no kon, Shirotaru no kon, Sesoku no kon, Yonegawa (Yuniga) no kon, Kongo no kon, Tsuken no kon, Kubo no kon, Shishi no kon, Ufutun no kon, Tsuken Hantagawa no kon oder Urasoe no kon.

  

 
Neben dem Rokushakubô existieren in den okinawanischen Systemen auch eine ganze Reihe anderer Stockwaffen. Zumeist unterscheiden sich diese vom Rokushakubô lediglich durch ihre Länge. Die nächstkleinere Stockvariante nach dem ist der . Er misst ungefähr 120 cm und wird demnach auch gelegentlich als Yonshakubô (Vier-Shaku-Stock) bezeichnet. Der spielt in vielen japanischen Kampfsystemen eine bedeutende Rolle und wird dort häufig zur Verteidigung gegen das Schwert eingesetzt. In den okinawanischen System konnte er sich allerdings nie gegen den durchsetzen und wird demnach heute dort auch kaum unterrichtet. Entsprechend finden sich in den populären Schulen von Matayoshi Shinko (1888-1947) oder Taira Shinken (1897-1970) auch keine festgelegten Kata.

Ähnlich verhält es sich mit dem ‚halben ' (Hanbô). Als eine effektive Waffe für die mittlere Distanz wird der drei Shaku lange Stock (Sanshakubô) in vielen Schulen des klassisch-japanischen Koryû Jûjutsu verwendet. In den okinawanischen Schulen gibt es auch eine gewisse Hanbô-Tradition und viele moderne Stile und Schulen entwickeln eigene Kata, um die Techniken weitergeben zu können. In den klassischen Ryûkyû Kobudô –Schulen spielte der Hanbô allerdings nie eine bedeutende Rolle.

 
Der Tanbô ist ca. 50-60 cm lang und wird zumeist als Paar (Nitanbô) verwendet. Erzählungen nach soll sich diese Kampfmethode entwickelt haben, nachdem ein im Kampf durch einen Schwerthieb geteilt wurde. Auch wenn dies eher in den Bereich der Anekdoten gehört, erinnern die Techniken des Nitanbô von den Bewegungen her stark an die Kampftraditionen der Philippinen. Die dort entstandenen Systeme des Arnis / Kali / Eskrima verwenden ausgesprochen häufig Doppelstocktechniken. Insoweit ist eine Beeinflussung des Ryûkyû Kobudô aus dieser Richtung durchaus nicht abwegig. Allerdings gehört das Nitanbô wahrlich nicht zu den Favoriten der meisten Schulen und wird demnach auch i.d.R. kaum in festen Formen unterrichtet.

 

 

Das okinawanische Ruder (Eku, Eku-Bô, Eiku oder Kai) soll ursprünglich aus China stammen, wo es als Jiang-Fa bezeichnet wird. Es ist insgesamt ca. 160-170 cm lang, wovon das Ruderblatt (Monouchi) ca. 70 cm misst. Der Griff (Chukon-bu) hat einen Durchmesser von ca. 3 cm. Das Ruderblatt ist in der Mitte ca. 1,5 cm dick, läuft vorne spitz zu (Saki) und verfügt über eine scharfe Seite (Yoko), die auch als Wellenschneider (Nami giri) bezeichnet wird.

Von den Einsatzmöglichkeiten her orientieren sich die Techniken des Kai stark an den Bewegungsmustern des . Hinzu kommen die speziellen Schlag- und Stoßmöglichkeiten, die sich aus der Form des Ruderblatts ergeben. Eine auf Okinawa ausgesprochen bekannte und typische Kai-Technik ist Sunakake, das Sandschleudern. Aus diesem Grund wird das Kai auch gelegentlich als „Ryoshi no katana“ (Schwert des Fischers) oder schlicht „Sunakake“ bezeichnet. Klassische Kai-Kata sind „Chikin Sunakake no Eku“ oder „Tsuken Akanchû no Eku“. In den meisten Kobudô-Schulen Okinawas ist der Umgang mit dem Kai den fortgeschrittenen Schülern vorbehalten.

 

 

 

 

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© Matthias Golinski, 2006

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Erstveröffentlichung: 15. März 2006

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