Vom Wissen und Können

– verfasst von Matthias Golinski –

 


Die Entwicklung und rasante Verbreitung des Internets hat die Gesellschaften wohl aller Industrie- und Schwellenländer weltweit in den vergangenen fünfzehn Jahren bedeutend beeinflusst. Die Informationsvermittlung und Kommunikation ist wesentlich einfacher und vor allem globaler geworden.

Selbstverständlich profitiert auch der interessierte Kampfsportler bzw. Kampfkünstler bedeutend von dieser Innovation. So sind Kontaktinformationen der meisten Kampfsportclubs weltweit mittlerweile problemlos online abrufbar. Einem selbst unbekannte Stile oder Meister werden mal eben „gegoogled“ oder über eine andere Suchmaschine „gesearcht“. Ebenso reicht meist schon die Eingabe eines einzigen Fachbegriffs aus, um seitenweise bebilderte Informationen und häufig sogar Videodateien zu erhalten. Den eher ‚konservativen' Vertretern der Kunst, die auch gerne einmal ein Buch lesen, bieten Online-Versandhäuser wie Amazon oder buecher.de wertvolle Hilfe. Bei Out-of-Print-Editionen helfen oft Bookfinder.com oder das ZVAB.de weiter. Darüber hinaus bieten meist auch Internet-Auktionshäuser wie etwa Ebay interessante Schnäppchen.

Nicht zu vergessen seien natürlich noch die diversen Kampfkunstforen und Newsgroups, in denen mitunter weltbewegende Fragen wie etwa „Schwarzgurt – Satin oder Naturseide?“, „Verband X vs. Verband Y – Welcher ist besser?“ oder „Wie lange bis zum ersten Dan?“ erörtert werden. Auch die obligatorischen Stil-Diskussionen und Lästereien fehlen in der Regel nicht.

 Die umfassenden Informations- und Diskussionsmöglichkeiten der heutigen Zeit sind für den Kampfkunstbereich von unschätzbarem Wert und bieten ungeahnte Möglichkeiten. Die Pioniere des Karates hätten sich seinerzeit über derartige Strukturen und Möglichkeiten zweifellos gefreut. Da diese jedoch noch nicht einmal in Ansätzen vorhanden waren, mussten etwa Mabuni, Funakoshi & Co. damals einen speziellen Forschungsclub gründen, um das begrenzte Wissen über die Kampfkünste zu kumulieren [1] .

 

Dennoch, oder vielleicht genau deswegen, möchte ich an dieser Stelle auf ein ganz grundlegendes Problem aufmerksam machen: Nämlich das Verhältnis von Wissen und Können.

Der griechische Philosoph Platon (um 428 bis ca. 347 v. Chr.) definierte ‚Wissen' als die Summe der als wahr gerechtfertigten Meinungen. Auf die Kampfkünste übertragen wäre ‚Wissen' demnach z.B. die Erkenntnis, wie eine Technik auszuführen ist, welche Fehler zu vermeiden sind und wie die Technik optimiert werden kann. Der Begriff ‚Wissen' bezieht sich hierbei stets auf eine rein theoretische Begabung.  

Unter ‚Können' versteht man hingegen die Befähigung eine bestimmte Tätigkeit auszuführen. In dem hier geschilderten Zusammenhang ist ‚Können' dann die Fähigkeit, das zuvor erlangte Wissen in einer praktischen Handlung umzusetzen. Dies bedeutet z. B. die Anweisungen und Ratschläge des Trainers zu befolgen, um so durch beständiges Training die Fehler in der Technikausführung zu korrigieren.

 Genau an dieser Stelle liegt nun das Problem: Während ‚Wissen' in früheren Zeiten stets nur innerhalb des Trainingsprozessen vom Lehrer an den Schüler vermittelt wurde, ermöglichen die heutigen Informationsstrukturen nahezu jedermann auch außerhalb des Dôjô die schnelle Erlangung von Auskünften und Meinungen, sowie die Unterteilung dieser in ‚richtig' oder ‚falsch'.

Die Erlangung von Wissen ist somit mittlerweile bedeutend einfacher, als jemals zuvor; Und dies ist überaus wichtig für die gesamte Verbreitung und Weiterentwicklung der Kampfkünste. Wissen ist immer die Vorstufe des Könnens und somit im Lernprozess unerlässlich. So muss man eine Technik zuerst einmal kennen, um sie erlernen und meistern zu können. Denn „jene, die von der Übung ohne Wissenschaft fasziniert sind, verhalten sich so, wie ein Kapitän, der ohne ein Ruder oder einen Kompass ein Schiff besteigt und niemals eine Sicherheit hat, wohin er fährt“ [2] .  

Allerdings sind die Kampfsysteme seit jeher praktisch ausgerichtete Künste und Methoden und keine theoretisch-orientierte Lehre. Die Bedeutung und Stellung eines Schülers, Lehrers und Meister zeigt sich seit Generationen überwiegend an seinem Können, und nur in begrenzter Weise an seinem Wissen. Somit stellt Wissen in den Kampfkünsten nie einen Selbstzweck dar. Die Akkumulation von theoretischem Wissen allein ist schlichtweg sinnlos. So nützt es nichts, die perfekte Ausführungsweise einer Technik oder Form theoretisch zu kennen, wenn sie anschließend nicht auch entsprechend trainiert und perfektioniert wird. Ein Mehr an Wissen muss also immer zu einem Mehr an Können führen. Funakoshi Gichin (1868-1957), ein Pionier des japanischen Karates, sah dies wohl ähnlich, als er schrieb: „Sobald eine Form gelernt wurde, muss sie kontinuierlich geübt werden, bis sie in einem Notfall angewendet werden kann. Lediglich die Abfolge einer Form zu kennen ist im Karate nutzlos“ [3] .

 Der aufmerksame Leser wird sich nun fragen, warum etwas Tsuru.de dann eine derlei große Rubrik mit geschichtlichen Artikeln anbietet? Während Tipps zur Technik hier ja noch sinnvoll erscheinen, erschließt sich der Wert historischer Daten und Biographien längst vergangener Meister nicht auf Anhieb.

Die Antwort auf diesen Punkt lässt sich am besten mit einem historischen Zitat geben: „On Kô Shi Shin – Das Alte erforschen heißt das Neue verstehen“ schrieb Funakoshi Gichin direkt am Anfang seiner Autobiographie [4] . Besonders bei einer Traditionsverbundenen Kunst wie dem Karate ist es von entscheidender Bedeutung, die Entstehung und Sinnigkeit bestimmter Trainingsformen und Riten zu kennen. Der historische Entwicklungsprozess der Kunst hilft häufig bei der Beobachtung und Beurteilung des zeitgenössischen Dôjô-Alltags. Vergangene Entwicklungen, wie etwa die Einführung des sportlichen Wettkampfs oder die weltweite Verbreitung des Karate durch die JKA helfen bedeutend bei der Frage, warum wir Karate heute auf eben die Art üben, wie wir es tun.

Doch in letzter Konsequenz verhält es sich mit diesen Informationen genauso, wie mit allen anderen Theorien im Karate: Zu wissen, wie die alten Meister trainiert haben, und dieses Wissen dann nicht in den alltäglichen Trainingprozess einfließen zu lassen, ist ungefähr so sinnvoll, wie bei strömendem Regen mit dem geschlossenen Schirm in der Hand zu laufen.

 Beim Schüler ist die Aufteilung zwischen Wissen und Können relativ simpel. Er (oder sie) muss wissen, wie die Technik umzusetzen ist und dies dann konsequent durchführen (oder wie die Japaner sagen: „der Körper muss lernen“). An einem konsequenten Grundlagentraining führt letztendlich kein Weg vorbei. Allerdings muss dem Schüler auch in dieser Phase bereits eine (sinnvolle) Erklärung für die geübten Techniken vermittelt werden. Zuviel Wissen, wie etwa alternative Ausführungsweisen oder Modifikationen der Technik, sind in dieser Phase häufig eher fehl am Platz und meist sogar kontraproduktiv. 

Beim Lehrer gestaltet sich das Verhältnis von Wissen und Können hingegen etwas anders: Der Lehrer muss die Technik nicht nur selbst umsetzten können, sondern auch wissen, mit welchen Mitteln der Schüler Fehler ausmerzen und Bewegungsabläufe optimieren kann. Dies erfordert ein umfassendes Wissen um Methoden der Trainingsführung, Trainingsformen, Anatomie, Technikvariationen etc. Die Fähigkeit des Trainers seinem Schüler die Technik möglichst gut demonstrieren zu können ist überaus wichtig, reicht aber alleine meist nicht aus. Diese Lücke zwischen Wissen und Können ist genau der Grund, warum auch aus mittelmäßigen Technikern mitunter hervorragende Trainer erwachsen und Spitzenathleten stellenweise als Trainer gnadenlos versagen.

Jedoch darf man nicht vergessen, dass auch ein erfahrener Lehrer stets selbst ein Schüler bleibt. Folglich kann auch noch so viel Lehrtätigkeit und Trainingsleitung niemals das eigene Training ersetzen. Genau an dieser Stelle schließt sich der Kreis.

 Carlos Molina (7. Dan Shitô-Ryû) meint, dass heutzutage viele Leute im Karate viel wissen, aber wenig können. Auch wenn sich die Frage aufdrängt, ob dies jemals wirklich anders war, deckt sich diese Einschätzung mit den Erfahrungen des Autors. Betrachtet man doch exemplarisch nur einmal eine heute vielleicht typische Lehrgangssituation: Wie oft wechseln die Teilnehmer bereits nach vier oder fünf Widerholungen zum allgemeinen Plausch mit dem Partner über? Schließlich hat man die Technik ja schon etwas geübt, und dass muss auch reichen. Nicht zu vergessen, die wahrlich nicht unbedeutende Anzahl mitunter hochrangiger Lehrer und Trainer, die mit Block und Stift, bzw. Kamera bewaffnet das Geschehen vom (sicheren) Hallenrand aus verfolgen.

 Ehrgeiziges Üben, ständiges Wiederholen und Verbessern scheint heutzutage im Karate vielerorts etwas aus der Mode gekommen zu sein. Das theoretische Studium ist seit jeher bequemer, als das praktische Training. Doch wahre Meisterschaft ist im Karate stets nur durch letzteres möglich. Um es abschließend auf den Punkt zu bringen: Wissen ohne Können ist im Karate sinnlos. Oder wie ein bekannter Karateka aus dem Ruhrgebiet einmal zu sagen pflegte: „Am Ende is' Karate immer im Dôjô!“.

 

 

 

Endnoten:


[1] Der ‚Karate Kenkyûkai' (Gesellschaft zur Erforschung der Chinesischen Hand) wurde 1918 gegründet und 1925 durch den ‚Karate Kenkyû Kurabu' (Forschungsclub der Chinesischen Hand) ersetzt. Vgl. Bittmann, Heiko (2000): Karatedô - Der Weg der Leeren Hand, Ludwigsburg 2000, S. 111ff.

[2] Leonardo Da Vinci (1452-1519), italienischer Maler, Baumeister, Naturforscher und Erfinder.

[3] Funakoshi, Gichin (1973): Karate-Dô Kyôhan – The Master Text, Tôkyô 1973, S. 39.

[4] Funakoshi, Gichin (1993): Karatedô – Mein Weg, Heidelberg-Leimen 1993, S. 7.

 

  

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© Matthias Golinski, 2005
www.TSURU.de

Erstveröffentlichung: 15. Mai 2005

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