Der Weg alleine

 

– verfasst von Matthias Golinski –

 

 

Wer kennt sie nicht, die omnipräsenten Aussagen von den Kampfkünsten als Lebensweg? Der eigene Kampfstil als lebensbegleitendes Forschungsprojekt, als lebenslanger Entwicklungsprozess, gepflastert von reichhaltigen Lern- und Lehrerfahrungen.

Die einzelnen Phasen sind dabei in der Budô-Theorie sowohl durch ein schlichtes Graduierungssystem, als auch durch das grundlegende Prinzip des Shu-Ha-Ri übersichtlich strukturiert. Während die meisten Budôka mit den verschiedenen Farb- und Schwarzgurtgraden i.d.R. hinlänglich vertraut sind, ist das Shu-Ha-Ri-Prinzip außerhalb Japans noch immer kaum vollumfänglich bekannt. Stark vereinfachend wird dabei die Entwicklung des Schülers in den Kampfkünsten in drei Stufen unterteilt. Zunächst einmal obliegt dem Schüler das Nachahmen oder Kopieren der Form, um die Tradition zu ‚bewahren' (Shu). Individuelle Betätigungen sind auf dieser Stufe nicht vorgesehen. Stattdessen muss der Schüler die Lehrinhalte detailgetreu übernehmen und tief verinnerlichen. Dieser Prozess ist ausgesprochen langwierig und verlangt dem Schüler ein hohes Maß an Durchhaltevermögen, Hingabe und Vertrauen zu seinem Lehrer ab.

Dem folgend gilt es für den Schüler den starren Vorgaben des Lehrers zu entfliehen und den engen Wirkungskreis zu ‚durchbrechen' (Ha). In dieser Phase gilt es die gemachten Erfahrungen zu nutzen und die eigene Form im Sinne der Tradition den eigenen Präferenzen und Möglichkeiten anzupassen.

Abschließend erreicht der Schüler die dritte Stufe, das ‚Loslösen' (Ri). Er befreit sich dabei zunehmend von dem vorgegebenen Rahmen seines Lehrers, behält aber die universellen Prinzipien der Form bei. Aus der Summe seiner Erfahrungen erschafft der Schüler etwas Neues und löst sich damit in seiner Entwicklung auch endgültig von seinem Lehrer.

Soviel zu Theorie. Bei einem Blick auf die Realität fällt allerdings schnell auf, dass heute die Mehrzahl der Schüler kaum die Shu-Stufe verlässt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Allzu häufig liegt es mit Sicherheit schlicht daran, dass das simple Befolgen fremder Anweisungen stets der einfachste Weg ist. Das Verlassen dieser Stufe erfordert Eigeninitiative, Engagement und Aufwand. Ebenso kommt dies wohl auch vielen Lehrern entgegen. So ermöglicht es die Shu-Stufe den Schüler in einem sicheren, kontrollierten Rahmen zu halten und schützt den Lehrer damit vor eventuellen unliebsamen Fragen oder Vergleichen.

Ein weiterer Grund liegt auch in der Tatsache begründet, dass heutzutage der Grundlagen-Teil in vielen Kampfkünsten deutlich überbewertet wird. Durch ständige Veränderungen sind die Curricula heute i.d.R. deutlich umfassender, als dies noch vor 50 oder 100 Jahren der Fall war. Bei gleich bleibendem oder sogar abnehmendem Trainingsaufwand wird es somit für den Übenden immer schwerer, die stilspezifischen Formen zu kopieren, geschweige denn, sie sogar zu bewahren.

Der vielleicht wichtigste Grund für diesen Prozess liegt aber wohl zweifelsfrei in der Tatsache begründet, dass das klassische Shu-Ha-Ri-Prinzip den Unterricht bei einem qualifizierten Lehrer voraussetzt und es den meisten Dôjô gerade an diesem mangelt. Wie viele Dôjô werden heutzutage in Deutschland von ‚Shôdanen' oder sogar Braungurten geleitet? Menschen die mit großem Engagement ihre persönlichen Belange und die eigene Entwicklung der Schule und ihren Schülern unterordnen. Mangels eines qualifizierten Lehrers oder geeigneter Trainingspartner beschränken sie bei ihnen das eigene Fortkommen zum Wohle des Vereins auf die Lehrtätigkeit und vielleicht gelegentliche Lehrgangsbesuche.

Mit diesem Zustand verständlicherweise unzufrieden, widmen sie viele als Notlösung verstärkt dem Training allein. Oberflächlich betrachtet bietet diese Alternative kaum einen Vorteil gegenüber dem Training unter einem qualifizierten Lehrer, welche sie zu etwas anderem als einer absoluten Notlösung qualifizieren würde. Allzu präsent ist doch das Idealbild des klassischen Lehrer-Trainings.

Zweifellos ist der direkte, beständige Unterricht unter einem qualifizierten und erfahrenen Lehrer das ‚non plus ultra' für einen Schüler in der Shu-Phase. Zum Erlernen und Verfestigen der Grundlagen lässt sich keine bessere Trainingsform finden. Mit zunehmender Entwicklung des Schülers muss dieser Teil der Lehre allerdings kontinuierlich abnehmen. Je weiter sich der Schüler der Ha-Phase nähert, desto kontraproduktiver wird sie allerdings als einzige Unterrichtsform.

Zum ‚Durchbrechen' der Tradition bedarf es einer Unmenge an eigenen Erfahrungen. Hier kann der Lehrer lediglich als Moderator fungieren und seinen Schützling in die richtige Richtung lenken. Frontaler Unterricht ohne Individualkorrektur, und mit starren Technik- und Taktvorgabe führt hier komplett am Ziel vorbei.

Je weiter sich der Schüler entwickelt, desto größer muss der Anteil an eigenem, und letztendlich auch alleinigem Training sein. Und genau an diesem Punkt zeigt sich in der obig beschriebenen Notlösung eine ungeahnte Chance. Ist man aufgrund äußerer Umstände gezwungen, diesen Weg einzuschlagen, übernimmt man (notgedrungen) auch wesentlich schneller Verantwortung für seine eigene Entwicklung. Der Schüler muss selbst überlegen, welche Techniken er verstärkt üben möchte und welche Kombinationen seinem Naturell entsprechen. Wo seine individuellen Stärken liegen, welche es auszubauen gilt und welche Schwächen er dringend reduzieren muss. Der eigene Lehrer kann nicht länger als Begründung oder gar Ausrede für die eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler dienen. Bei jeden Fort- oder Rückschritt, bei seinem gesamten Tun ist er einzig sich selbst gegenüber verantwortlich. Außerdem entwickelt sich durch das ständige Ankämpfen gegen den ‚inneren Schweinehund' ohne jeglichen äußeren Druck häufig eine ganz andere Form von Durchhaltevermögen.

 

Somit bietet das Training alleine neben den diversen offensichtlichen Nachteilen auch eine ganze Reihe nicht zu unterschätzender Vorteile. Besonders hervorzuheben ist, dass der Schüler gezwungen ist, sich auf eine ganz andere, wesentlich individuellere und detailgetreuere Art mit seinen Techniken und seinem Training zu beschäftigen. Darüber hinaus macht das Training alleine eine Tatsache offensichtlich, welche häufig im normalen Dôjô-Alltag übersehen wird: Jeder Übende muss den Weg schlussendlich selbst gehen. Während der regelmäßige Gang zum Dôjô-Training allein früher stets ausreichend wahr, bedarf es mit zunehmendem Fortschritt einer tiefer gehenden Beschäftigung mit der Kunst. Wie gut der Lehrer auch immer sein mag, er kann dem Schüler dies niemals abnehmen. Stattdessen wird ein guter Lehrer sich mit zunehmender Entwicklung des Schülers immer weiter zurücknehmen und seinen Schüler auch viele Erfahrungen selbst machen lassen. Das Training alleine stellt auf diesem Weg eine nicht zu unterschätzende Hilfe und ein wichtiges Instrument dar.

Falls Sie sich notgedrungen stets mit dem Training allein konfrontiert sehen, so erinnern Sie sich an die zahlreichen Möglichkeiten und Chancen. Verfügen Sie hingegen über das Privileg des regelmäßigen Übens unter einem erfahrenen Lehrer, so nutzen Sie dennoch die Möglichkeiten eines solchen Trainings und wagen Sie sich ruhig an einen Kompromiss. Und falls Sie selbst fortgeschrittene Schüler unterrichten, so geben Sie ihnen unbedingt die nötigen Freiräume und helfen Sie ihnen verstärkt bei ihrer individuellen Entwicklung. Ihre Schüler werden es Ihnen danken.

 

 

 

Druckversion (als PDF-Datei)

 

© Matthias Golinski, 2008
www.TSURU.de

Erstveröffentlichung: 15. Januar 2008

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