Gefährliches Halbwissen:
Teil I – Vitalpunkte

– verfasst von Matthias Golinski –


Anfang der 90er Jahre hielten die Vitalpunkte ihren Einzug in die breite US-amerikanische Kampfkunstszene. Der Amerikaner George Dillman (9. Dan Ryûkyû Kempô) entfachte mit reich-illustrierten Publikationen und fragwürdigen Demonstrationen eine umfangreiche Diskussion. Dillman vertrat eine Methode bei der man Druck auf bestimmte Punkte des Körpers ausübt und somit den Gegner mit präzisen Techniken ausknockt. Er nutzte dazu dieselben Vitalpunkte, welche bei der chinesischen Heilkunst positiv stimuliert werden.
Plötzlich bekam der grundlegende Anspruch der Kampfkünste, der Sieg der Technik über die Kraft, eine ganz neue Bedeutung. Dillman zeigte zierliche Frauen, die Mittels seiner Techniken scheinbar mühelos doppelt so schwere Männer besiegten.
Dillman folgten andere, gute und schlechte Lehrer und mittlerweile nimmt die Vitalpunktlehre (wieder) eine nicht unbedeutenden Teil der Kampfkunstwelt ein. Seit ca. 6-7 Jahren sind nun auch Bücher und Videos in deutscher Sprache erhältlich, so dass man sich auch in immer mehr deutschen Dôjô mit dieser Thematik beschäftigt.
Um eins ganz klar zu sagen: Die Vitalpunktlehre ist nicht die kämpferische Top-Erfindung der Neuzeit. Es gab bereits vor Dillman Meister, die Kyûsho-waza (bzw. Dianxue und Dim-mak in den chinesischen Künsten) im Training einsetzten oder ihre Anwendung/Wirkung erforschten. Sie haben das Thema lediglich nicht so offensiv in die Öffentlichkeit gezerrt.

Das Wissen um die heilende Wirkung der vitalen Punkte ist in China bereits seit Urzeiten vorhanden. So wurden Akupunkturnadeln gefunden, deren Alter sich auf über 4000 Jahre datieren lässt. Aufgrund der Einfachheit der Methode ist davon auszugehen, dass die passende Massageform Akupressur noch älter ist. Die Chinesen entwickelten bzw. erkannten ein den ganzen Körper überziehendes Netz von 361 Hauptakupunkturpunkten und 1011 Gesamtstellen. Diese liegen auf den sogenannten Meridianen (chin. King Lo). Bahnen, welche die inneren Organe verbinden und auf denen die innere Energie (chin.: Chi oder Qi, jap.: Ki) im Körper zirkuliert. Im Jahre 1026 beauftragte der chinesische Herrscher Ren Zong den Mediziner Wang Wei, zwei dreidimensionale Figuren anzufertigen, die die Position von jedem Punkt genau abbildet. Diese „Bronzestatuen“ waren ein bedeutender Schritt in der chinesischen Medizin und stellten von da an den Standart für alle Akupunktur-Studenten und -Gelehrten dar. Die ersten Forschungen im Bereich der negativen Stimulation werden dem Kampfkünstler und Akupunkteur Zhang Sanfeng (*1270) zugeschrieben [E01]. Er soll auch die Wechselwirkung von Schlagkombinationen auf verschiedene Punkte erkannt haben. Im folgenden entwickelte er wohl speziell für die negative Stimulation seine eigene Bronzestatue. Die Legende besagt, dass Zhang Sanfeng sein Wissen um die Vitalpunkte in sein Shaolin Quanfa einbezog und einen Stil schuf, der später als Taijiquan (oder Tai Chi Chuan) bekannt wurde [E02].
In den folgenden Jahren entwickelte sich die Forschung weiter und erstreckte sich über nahezu ganz China. Das Bubishi aus Südchina thematisiert ebenfalls die Punkte, Meridiane und ihre kämpferische Bedeutung. Das Buch zeigt 36 Punkte mit genauer Beschreibung ihrer Lage und Wirkung. Über diesen Weg gelangte die Vitalpunktlehre schließlich nach Okinawa und somit in das Karate.

Demnach hilft ein fundiertes Wissen um die Vitalpunktstimulation heute oft auch wesentlich bei der Analyse der traditionellen Formen. Bisher unbekannte Schlagkombinationen oder Schlag-/Trittabfolgen machen durch die Möglichkeit der Folgestimulation plötzlich Sinn.
Allerdings gibt es beim Üben der Vitalpunkttechniken einige bedeutende Grundregeln, die leider häufig übersehen werden: Die Stimulation der Vitalpunkte sollte nicht länger als 15 Minuten pro Woche und selbstverständlich nur unter einem qualifizierten Lehrer erfolgen. Vor dem Üben der Vitaltechniken muss ein solides Training der passenden Wiederbelebungstechniken (jap.: Kwappô) stehen. Außerdem dürfen die Vitalpunkte nicht bei Kranken oder Personen über 40 Jahren im Training negativ stimuliert werden.
Die für Karateka vielleicht wichtigste Regel ist jedoch, dass kein „Cross-Body-Work“ stattfinden darf. Das beidseitige Training („Zehn mal mit rechts und dann zehn mal mit links“) ist bei Vitalpunkten unbedingt zu vermeiden.
Beim Thema Vitalpunkte gibt es eigentlich keinen Mittelweg. Entweder man entscheidet sich, das Wissen anzuwenden und lernt demnach die korrekten Bezeichnungen, Wirkungen, Stimulationszeitpunkte, -winkel, -art, Wechselspiele/Beziehungen mit anderen Punkten etc. oder man lässt es ganz. Ein Wochenend-Studium, ein Crash-Kurs oder dergleichen ist hier unmöglich.

Einen guten von einem schlechten Lehrer zu unterscheiden ist oft überaus schwierig. Besonders, wenn man selbst nicht wirklich mit der Thematik vertraut ist. Grundsätzlich sind allgemeine Aussagen wie „Es gibt hier so einen Punkt, der tut unglaublich weh, wenn man draufdrückt“ oder ähnlich mit ausgesprochener Vorsicht zu genießen. Wenn schon bei der Erklärung selbst keine Nennung der Punkte erfolgt, dann sollte der Lehrer spätestens auf Nachfrage in der Lage sein, sowohl Bezeichnung, Verlauf des Meridians und Wirkung zu erklären.

Auch ist die Vitalpunkt-Lehre zweifellos nicht die große Wunderwaffe oder die Silberkugel gegen jeden Gegner. Zwar sind einige Demonstrationen durchaus bemerkenswert, aber es ist zu bedenken, dass die Pioniere der Szene, wie etwa George Dillman, Vince Morris, Evan Pantazi oder Erle Montague dieser Beschäftigung hauptberuflich nachgehen und demnach den ganzen Tag kaum etwas anderes tun. Es ist ausgesprochen fraglich, ob der durchschnittliche Schüler mit zwei oder drei Trainingseinheiten pro Woche hier jemals ein wirklich verteidigungsfähiges Level erreicht.
Als Ergänzung/Erweiterung zum Training sind Vitalpunkte bestimmt hilfreich. Wenn es jedoch darum geht, das gesamte Verteidigungskonzept auf die Stimulation und das Wechselspiel der vitalen Punkte auszurichten, bin ich skeptisch. „Es gibt so viele Vitalpunkte, dass man fast bei jedem Schlag einen trifft.“ sagte Asai Tetsuhiko 9. Dan und ehemaliger Chefausbilder der JKA auf diese Thematik angesprochen einmal scherzhaft [E03]. Und ganz unrecht hat er damit nicht. Man sollte bei der ganzen Debatte um die kleinen Punkte das große Gesamtbild nicht vergessen. Die Vitalpunkte sind ein Aspekt des traditionellen Karate. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.



Endnoten:

[E01] Vgl. McCarthy, Patrick, The Bible of Karate: Bubishi, Charles E. Tuttle Company, Rutland 41997, S. 108 zurück
[E02] Vgl. McCarthy, S. 109 zurück
[E03] Asai, Tetsuhiko im persönlichen Gespräch, September 1996 zurück

 

Druckversion (als PDF-Datei)

 

© Matthias Golinski, 2004
www.TSURU.de

Erstveröffentlichung: 15. April 2004

Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen dem Archiv des Autors oder sind mit der Genehmigung der jeweils verantwortlichen Dritten verwendet worden. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass Homepages (mit all ihren Einzelheiten) auch dem Schutz des Urheberrechts unterliegen.
Ohne die schriftliche Erlaubnis des Autors darf kein Teil dieser Homepage (weder Abbildungen noch Texte) in irgendeiner Weise reproduziert werden.

zurück