Zur Nomenklatur der Karate-Techniken

– verfasst von Matthias Golinski –

 

Zenkutsu-Dachi, Age-Uke, Yoko Geri … Japanische Technikbezeichnungen sind wohl seit der Einführung des Karate in Deutschland (Ende der Fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts) eine unliebsame Begleiterscheinung für die meisten Karateanfänger. Neben den ungewöhnlichen Techniken, fremden Riten und aparten Uniformen, tragen die japanischen Kommandos des Lehrers meist noch einmal in besonderer Weise zur mystischen Gesamterscheinung des Unterrichts bei.

Mit zunehmender Trainingserfahrung gewöhnen sich die meisten Übenden an die einzelnen Ausdrücke, nehmen immer mehr Elemente an und gebrauchen sie nach einer gewissen Zeit auch selbst aktiv.

Die japanischen Begrifflichkeiten des Karate wurden seit dem 20. Jahrhundert zusammen mit den Bewegungen, Theorien, Etiketten und einer gehörigen Portion japanischer Kultur und Lebensweise in alle Welt exportiert. Heute bilden sie eine eigene Fachsprache und dienen so als unerlässliches Hilfsmittel im Dialog der Karateka weltweit. Begriffe wie „Gedan-Barai“, „Mawashi-Geri“ oder „Gyaku-Zuki“ sind folglich den meisten Karateka heute gut bekannt und im Wesentlichen verstehen sie auch nahezu alle darunter (zumindest grundlegend) gleiche Bewegungsabläufe.

Was manchem Übenden allerdings häufig nicht so präsent ist, ist die Tatsache, dass es sich bei den japanischen Ausdrücken meist um mehr oder minder simple Bewegungsbezeichnungen handelt. So bedeuten die beiden Schriftzeichen (Kanji) des Wortes „Mae Geri“ schlicht nichts anderes als „vorne“ und „treten“. Die japanische Bezeichnung ist, wie bereits erwähnt, lediglich der ostasiatischen Herkunft der Kampfkunst zu verdanken. Für sich genommen würden „Front kick“, „Coup de pied avant“, „Patada frontal“ oder in unserem Kulturkreis schlicht „Vorwärtstritt“ zumindest dieselbe, wenn nicht gar eine bessere Funktion erfüllen.

In Anbetracht dessen ist es offensichtlich, dass der durchschnittliche englische, französische, spanische oder deutsche Karateanfänger mit einem Problem konfrontiert ist, welches einem japanischen Muttersprachler bei Trainingsbeginn keineswegs gegenübersteht: Eine erhebliche Sprachbarriere.

Nun ist es aber nun einmal so, dass gewisse Grundkenntnisse der japanischen Sprache im alltäglichen Karatetraining unerlässlich sind. In der Regel werden die Techniken während des Trainings und bei Prüfungen vom Lehrer bzw. Prüfer auf japanisch angesagt; und auch die Techniken in den Prüfungsprogrammen sind gemeinhin mit ihren japanischen Bezeichnungen aufgeführt. Klagen und Stöhnen hilft hier wenig!

Allerdings hat die (zumindest fachspezifische) Kenntnis der japanischen Sprache noch ein paar weitere, nicht zu verachtende, Vorteile:

Grundsätzlich sind die japanischen Termini ein wesentliches Element der Identität des Karates und seiner Qualität als Kampfkunst. Auch wenn der Umgang mit ihnen mitunter ausgesprochen lästig und kompliziert sein mag, so bilden sie doch zusammen mit den Etiketten und Ritualen einen wesentlichen Stützpfeiler für eine (mögliche) geistige Entwicklung des Schülers.

Darüber hinaus stellen der sichere Umgang mit ihnen und ein umfassendes Wissen um ihre exakte Bedeutung für den fortgeschrittenen Schüler eine wesentliche Hilfe beim tieferen Verständnis des Karate dar. So bedeutet z.B. „Bunkai“ [] nicht, wie häufig erwähnt, „Anwendung“, sondern „Analyse“ und „Uke“ [] heißt eigentlich nicht „Blocken“, sondern „etwas empfangen / erhalten / annehmen“. „Mokusô“ [] heißt nicht „Die Augen schließen“, sondern bezeichnet eher die „Meditation“ als Vorgang. „Dôjô“ [] heißt eigentlich nicht „Trainingsraum“, sondern „Ort des Weges“ und „Kata“ [], das Herzstück des Karates, kann neben „Form“ auch „Modell“ oder „Stil“ bedeuten. Dies mag vielen Menschen als klein-kariert und unbedeutend erscheinen, aber das tiefere Verständnis der Kampfkunst Karate ist nach Ansicht des Autors nur über eine gewisse Kenntnis der japanischen Kultur möglich; und Sprache ist seit jeher ein wesentliches Element jeder kulturellen Identität.

 

Wie viel Japanisch im Karateunterricht nun sinnvoll und angebracht ist, hängt von mehreren Kriterien ab. Grundsätzlich sollte ein Lehrer zumindest den überwiegenden Anteil der von ihm unterrichteten Techniken auch namentlich kennen. Wie umfassend er sein Wissen dann schließlich in den Trainingsprozess einbringt, ist hingegen stark von der Gruppenstruktur sowie dem Fortschritt, dem Alter, der Motivation und, ja auch, dem Intellekt der Übenden abhängig.

Sobald man sich als Lehrer für die Verwendung bestimmter Begriffe entschieden hat, ist die Verwendungs-Stetigkeit ein wesentliches Erfolgskriterium. Nur durch den fortwährenden Gebrauch der Worte, können sie sich auch im Gehirn des Schülers verfestigen. Der Weg eines Wortes in den aktiven Wortschatz (selbstständige Verwendung eines Wortes bei der Kommunikation mit dem Partner) führt meistens über den passiven Wortschatz (Verständnis eines Wortes bei Gebrauch durch den Kommunikationspartner).

Falls der Lehrer das japanische Wort nicht verwenden will (oder kann), sollte er ein treffendes deutsches Substitut verwenden. So ist etwa „Vierfingerstoß“ durchaus äquivalent zu „Shihon Nukite“. Eher unvorbereitet und inkompetent wirken hingegen ‚Allzweck-Worthülsen' wie „Dings“ oder ähnliches. Besonders, wenn sie häufiger gebraucht werden.

Ebenso wird sich kaum ein Lehrer außerhalb Japans im Unterricht Freunde machen, wenn er japanische Wort-Ungetüme wie etwa Migi Jôdan Kakato Ushiro Mawashi Tobi Geri“ ( Ein mit dem linken Bein ausgeführter, über den Rücken gesprungener umgekehrter Halbkreisfußtritt mit der Ferse zum Kopf) verwendet. Allerdings ist die Anzahl der Menschen, die derartige „Exotentechniken“ sehr gut ausführen können, zumeist ebenso gering, wie die Anzahl jener, die solche Technikbezeichnungen ad hoc verstehen. Hier ist ein Weniger häufig mehr.

 

Eine interessante Alternative zu den funktional-geprägten japanischen Termini bilden die klassischen chinesischen Bezeichnungen. Aus Angst um ihre stilspezifischen Kampfstrategien und Verteidigungskonzepte verschlüsselten die alten Kampfkunstmeister Chinas ihre Techniken früher mit seltsam anmutenden Namen. So verbergen sich hinter blumigen Phrasen wie etwa „Der Mönch betet auf dem Lotusblatt“, „Der Affe stielt einen Pfirsich“ oder „Der Pfau öffnet seine Schwanzfedern“ mitunter äußerst brutale Kampfanwendungen. Entgegengesetzt zu den japanischen Techniknamen umfassen derartige Ausdrücke meist nicht nur eine spezielle Bewegung, sondern in der Regel ein konkretes Kampfprinzip.

In vielen klassischen chinesischen Kampfsystemen ist diese Praxis auch heute noch verbreitet und erfreut sich mitunter großer Beliebtheit.

Wie eng diese Art der Bezeichnung mit den Techniken des Karate verbunden ist, wird bei einem Blick in die „Bibel des Karate“, dem Bubishi, deutlich. In diesem alten, ursprünglich chinesischen Dokument werden alle Kampftechniken ausschließlich auf diese Art und Weise beschrieben.

Dass auch diese Praxis der Nomenklatur einen gewissen Reiz hat und besonders für fortgeschrittene Schüler wertvolle Informationen liefern kann, sei anhand der nachfolgenden Beispiele verdeutlicht. Alle diese ‚chinesischen' Techniken dürften sich ohne größere Probleme auch in vielen ‚japanischen' Kata des Karate wieder finden lassen. Viel Spaß beim Suchen!

 


„Der alte Mann trägt einen Stock“

Ein klassischer Armstreckhebel über die Schulter.


„Zwei Drachen streiten um die Perle“

 Ein Doppelkonter zu Genitalien und Gesicht.


„Die kleinen Dämonen ziehen ihre Stiefel aus und hocken sich hin“

Aushebeln eines Trittangriffs mit anschließendem Wurf.


„Der schwarze Drache springt in den Brunnen“

Ein Ellenbogenstoß als Verteidigung gegen eine Umklammerung von hinten.


„Der Kaiser stempelt das Siegel“

Der gewöhnliche Hammerschlag. In Mitteleuropa auch als

„Bud-Spencer-Schlag“ bekannt und gefürchtet. J

 

„Der Tiger zieht den Eber runter“

 Ohne Kommentar.

 

 

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© Matthias Golinski, 2005

www.TSURU.de

Erstveröffentlichung: 15. Juli 2005

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