Cross-Training – Ein kleiner Leitfaden

oder Erfahrungen aus 15 Jahren

– verfasst von Matthias Golinski –


 

Die Kampfsport- und Kampfkunst-Landschaft ist heutzutage wohl so bunt und vielfältig wie selten zuvor. Lange vergessen sind die Zeiten in denen der junge Kampfsport-Aspirant hierzulande gerade einmal zwischen Jûdô und Karate, Ringen und Boxen wählen konnte. Heutzutage ist der Sektor wild übersäht mit unzähligen Systemen und Schulen. Die zahlreichen Sub-Stile und Abspaltungen torpedieren dabei das Vorhaben einer vollständigen Aufstellung.

Maßgeblich durch die Forschungen und Veröffentlichen Bruce Lees in den Sechzigern hat sich in den letzten Jahren eine Trainingsform immer mehr durchgesetzt, die Neudeutsch häufig als „Cross-Training“ bezeichnet wird.

Falls jemand mit diesem Begriff noch nicht vertraut sein sollte, gibt es hier eine kurze Definition: Als Cross-Training bezeichnet man das zeitlich begrenzte Üben in anderen Kampfsystemen, mit dem Ziel, das Technikrepertoire des eigenen Basisstils zu erweitern, bzw. seine technischen Fähigkeiten zu verbessern.

Wenn Sie also bisher jahrelang gut und gerne geboxt haben, wäre ein klassisches Cross-Training beispielsweise, wenn Sie etwas ringen und nach einer gewissen Zeit mit dem Boxen weitermachen.

Wer nun denkt, dass Cross-Training einfach ein stilfremdes Training ist, der macht sich das Ganze allerdings etwas zu leicht. Einfach mal aus Langeweile für zwei oder drei Einheiten in einer anderen Kampfsportart mitzutrainieren hat eigentlich nichts mit Cross-Training zu tun und kann streng genommen noch nicht einmal als „Cross-Training-Light“ bezeichnet werden.

 

Eine der wesentlichen Komponenten des Cross-Training ist von vornherein eine stabile technische Grundlage und eine gewisse Erfahrung im jeweiligen Basisstil. Jemand der gerade erst mit dem Training begonnen hat, sollte sich auch zuerst einmal mit diesem System auseinandersetzen. Cross-Training führt an dieser Stelle nur zu Problemen.

Häufig wird diese Phase von Grundlagenaufbau und Erfahrungssammeln vom Schüler selbst zu kurz eingeschätzt. Sie braucht aber in der Regel ein mehrjähriges Training. Demnach ist ein intensiveres Cross-Training frühestens ab dem hohen Mudansha- (Braungurt) bzw. frühen Yudansha-Level (Schwarzgurt) wirklich sinnvoll.

 

Wenn Sie diese Eingangsvoraussetzung erfüllen, folgt eine zweite wesentliche Bedingung: Sie brauchen ein Ziel. Die Motivation zum Cross-Training entsteht in der Regel durch eine gewisse Neugier und/oder einem gewissen Frustgefühl. Viele Menschen empfinden z.B. ab einem bestimmten Punkt in ihrer Entwicklung ihren jeweiligen Basisstil als nicht vollständig oder sie haben gewisse Trainingslücken, die sie durch das Training in ihrem Basisstil (oft nach eigener Einschätzung) nicht schließen können.

Dieses Gefühl muss sich jedoch nicht zwangsläufig einstellen. Der überwiegende Teil der Übenden ist mit seinem jeweiligen Basisstil vollkommen zufrieden und hat somit keinerlei Anreize zum Cross-Training. Und Zufriedenheit ist doch schließlich die Hauptsache, oder?

 

Wenn sie also unzufrieden sind und glauben, dass ein Cross-Training diese Probleme lösen kann, dann sollten Sie zuerst einmal ihr Problem klar definieren und die Lösung dieses Problems als ihr Ziel herausstellen. Wenn Sie also der Ansicht sind, dass Sie als Boxer Probleme mit der Trittabwehr haben, könnte ein gezieltes Cross-Training helfen.

Bei einem derartigen Problem empfiehlt es sich, dieses in einem Umfeld zu lösen, in welchem die Übenden auch eine gewisse Kompetenz im Umgang mit Tritten aufweisen. Die Idee, doch einfach einen ihrer Boxkollegen zu bitten, Sie ein paar Mal zu treten kann nur nach hinten losgehen.

Wenn Sie Top-Ergebnisse erreichen wollen, sollten Sie die Menschen um Hilfe bitten, die sich auch mit ihrem Problem auskennen. Das ist eigentlich die ganze Idee des Cross-Training: Ungeachtet von Stil-Grenzen mit den Menschen zu üben, die bestimmte Trainingsbereiche besser beherrschen als man selbst.

Im Falle des Boxers würde sich somit vielleicht ein zeitlich begrenztes Training im Taekwondo oder im Kickboxen anbieten. Dort sind Tritte ein wesentlicher Bestandteil des Trainings und die Übenden sind i.d.R. auch entsprechend kompetent in der Durchführung.

 

Cross-Training wird heute von vielen vermeintlichen Traditionalisten noch immer strikt abgelehnt. Das Argument der Stil-Verfälschung und -Verwässerung ist dabei häufig zu hören. Schaut man jedoch einmal in die Kampfkunst-Historie, so ist auffallend, dass der Gedanke des Cross-Training weit hinter Bruce Lees Zeiten zurückreicht und selbst viele der „ehrenvollen“ Meister des stark traditionalistisch geprägten Japan dieses Trainingsinstrument eifrig nutzten.

So ist heute beispielsweise bekannt, dass den Karate-Pionier Funakoshi Gichin (1969-1957) und Kanô Jigorô (1860-1938), den Begründer des Jûdô, eine feste Freundschaft verband und sie sich auch häufiger zum gemeinsamen Training trafen. Weiterhin bemühte sich Kanô auch um Kontakte zu Miyagi Chôjun (1888-1953), dem Begründer des Gôjû-Ryû Karate, oder Ueshiba Morihei (1883-1969), dem Begründer des Aikidô. Kanô wendete seinen Leitsatz „Jita Kyôei – gegenseitige Hilfe und Kooperation“ also nicht nur aufs Jûdô an.

Ôtsuka Hironori (1892-1982) wechselte nachdem er das Yôshin-Ryû Jûjutsu gemeistert hatte zum Karate, um sein Verständnis der Kampfkünste zu erweitern. Die Kampfkunstgemeinde Okinawas gründeten 1918 extra einen Forschungsclub (Kenkyûkai), um ihr Wissen in den verschiedenen Stilen einfacher teilen zu können. Horiguchi „Piston“ Tsuneo (1914-1950), einer der besten japanischen Profiboxer seiner Zeit, trainierte ebenfalls eifrig Karate und Kendô, um seinen Yamato damashii („japanischen Geist“) zu stärken.

 

Soviel zur Theorie. Bei der praktischen Umsetzung des Cross-Training gibt es allerdings eine ganze Reihe von Stolpersteinen und Hindernissen zu überbrücken:

 

 

Plus, nicht Minus

Viele Menschen haben Schwierigkeiten damit, nach jahrelangem Training dem eigenen Stil „untreu“ zu werden und „fremdzugehen“. Diese Sorge ist aber vollkommen unbegründet. Schließlich besteht ja keinerlei Zwang. Außerdem ist der Hauptgrund für das Cross-Training ja gerade die Erweiterung bzw. Komplettierung des eigenen Basisstils.

Darüber hinaus braucht man auch in keiner Weise um die im Basisstil erlangten Fähigkeiten fürchten. Es ist nicht so, dass die Erfahrungen und Fertigkeiten beim Austritt von der Tafel gewischt werden. Vielmehr wird, um im Bereich der Metaphorik zu bleiben, eine neue Heftseite aufgeschlagen, wobei man jederzeit problemlos zurückblättern kann; und nicht selten ergibt sich auch der ein oder andere Querverweis.

 

 

Der Zeitfaktor

Freizeit ist in unserer heutigen Gesellschaft ein knappes Gut. Die meisten von uns würden wohl gerne dem Training der Kampfkünste mehr Zeit widmen, als momentan möglich ist. Entsprechend sollten Sie versuchen, die verfügbare Zeit so effektiv wie eben möglich zu nutzen. Wenn Sie sich also einmal zu einem Cross-Training-Projekt entschieden haben, stellt sich die Frage, wie viel Zeit Sie dafür aufbringen wollen bzw. können. Wenn Sie also zuvor zwei Trainingseinheiten pro Woche geboxt haben, würde sich nun etwa ein zwei-mal-wöchentliches Taekwondo-Training empfehlen. Sie müssten also ihr Boxtraining effektiv für eine gewisse Zeit aussetzen. Die Begründung hierfür liegt in der knappen Trainingszeit. Bei einer hälftigen Aufteilung reicht die Zeit nicht aus, um im Boxen irgendwelche Fortschritte zu erzielen. Und noch weniger ausreichend ist die Zeit, um im Taekwondo die Grundlagen zu meistern.

Bei drei Einheiten empfiehlt sich eine Zwei-zu-Eins-Aufteilung: Zwei Einheiten für den Ergänzungsstil und eine für den Basisstil. So halten sie ihren Stand im Basisstil. Wenn Sie schnell Fortschritte im Ergänzungsstil erzielen wollen, können Sie natürlich auch alle drei Einheiten dort zubringen.

 

Wie einleitend erwähnt ist die zeitliche Begrenzung der jeweiligen Cross-Training-Aktivität ausgesprochen wichtig. Wenn Sie sich nämlich von nun an entscheiden, ständig Basisstil und Ergänzungsstil parallel zu trainieren, wird bald der Ergänzungsstil zu Ihrem zweiten Basisstil. Dies führt mittelfristig zu gewissen Problemen, da Sie nun nicht mehr ausgewählte Elemente in Ihren Basisstil integrieren möchten, sondern ein gesamtes System (mit allen Vor- und Nachteilen) parallel erlernen wollen.

 

 

Der passende Trainer

Neben dem Zeitfaktor steht das Problem eines geeigneten Trainers. Lassen Sie sich bei dieser Entscheidung nicht allzu sehr von äußeren Kriterien leiten. „Geh doch mal da hin. Der Trainer ist 35. Dan und 200facher Weltmeister.“ Hierzu vielleicht ein Negativbeispiel aus eigener Erfahrung: Der vermeintliche Toptrainer gab die Unterrichtsleitung direkt nach dem Angrüßen an seinen, ausgesprochen arroganten und weit weniger kompetenten Assistenten ab und verfolgte das Training von da an eher gelangweilt vom Mattenrand aus…

Für ihr Cross-Training-Vorhaben ist die (nachgewiesene) Qualifikation des Trainers, nüchtern betrachtet, von eher untergeordneter Bedeutung. Die Grundlagen eines Systems kann meist schon jeder fortgeschrittene Schüler relativ sicher vermitteln; und das reicht Ihnen am Anfang doch vollkommen aus. Je weiter Sie in einem System fortschreiten, desto wichtiger wird die Qualifikation des Trainers. Für Ihr Cross-Training-Projekt ist es hingegen wesentlich wichtiger, einen Trainer zu finden, der eine gewisse Erfahrung mit dem Anfänger-Training hat, Ihnen den Stoff gut vermitteln kann und vor allem ihrem Vorhaben gegenüber offen ist!

 

 

Die passende Gruppe

Nahezu ebenso wichtig wie ein geeigneter Trainer ist die passende Trainingsgruppe. Ein harmonisches und neuen Mitgliedern gegenüber aufgeschlossenes Verhalten ist für Sie als Querreinsteiger sehr wichtig. Die Gruppenmitglieder müssen Ihnen beim Einstieg helfen und offen auf Sie zukommen. Meiner Erfahrung nach färbt das Verhalten des Trainers hier häufig auf die Gruppe ab. Wenn also der Trainer freundlich, hilfsbereit und offen ist, dürften sie i.d.R. auch keine Probleme mit der Gruppe haben. Interessierte und lernwillige Schüler sind in jedem ernsthaften Dôjô, Dojang, Kwoon oder Gym stets gern gesehene Gäste.

 

 

Zurück zum Anfang

Die Absicht zu lernen ist die Grundidee des Cross-Training. Binden Sie sich also wieder den Weißgurt um und stellen Sie sich demütig ans Ende der Reihe. Understatement ist hier Trumpf. Sprüche wie „Ich hab' 'nen Schwarzgurt in XY“ sind hier ungefähr so nützlich wie das große Skat-Diplom bei Eishockey. „Die-einmal-Schwarzgurt-immer-Schwarzgurt“-Idee und das passende Auftreten dazu behindern den Lernerfolg ungemein und führen meist sicher zur sozialen Isolation in der Trainingsgruppe.

Mit Sicherheit haben Sie als Schwarzgurt in einem Kampfsystem einen gewissen Vorteil beim Erlernen eines anderen Systems. Allerdings ist dieser zumeist weit weniger groß als gemeinhin angenommen wird. Diese Synergieeffekte sind umso größer, je näher der Ergänzungsstil Ihrem Basisstil ist. Da das Ziel des Cross-Training aber, wie erwähnt, ein möglichst großer Lernerfolg ist, sollten Sie eher einen vom Basisstil abweichenden Ergänzungsstil auswählen. Bei einer Kombination von Karate und Taekwondo dürften Sie relativ hohe Synergieeffekte und dafür einen entsprechend geringeren Lernerfolg feststellen. Bei der Kombination von Karate und Jûdô sollte es hingegen eher umgekehrt verlaufen. Die Synergieeffekte verhalten sich also umgekehrt proportional zum Lernerfolg. Soll heißen: Je mehr sie lernen wollen, desto größer muss ihre Bereitschaft sein, wieder unten anzufangen.

 

 

Offene Worte?

Ich bin grundsätzlich dafür, dass Sie Ihr Cross-Training-Vorhaben mit dem Trainer ihres Ergänzungsstils absprechen. Natürlich kann dies in manchen Fällen dazu führen, dass sie nachher vom Top-Schüler oder vom Trainer selbst vor der gesamten Gruppe vorgeführt oder getriezt werden. Sie sollten sich allerdings nicht provozieren lassen. Bei einem solchen Auswärtsspiel unter fremden Regeln können sie nur verlieren, und demnach sollten sie sich hierfür von vornherein nicht hergeben.

Meiner Erfahrung nach handelt es sich bei solchen Trainern allerdings um eine eher geringe Ausnahme. In der Regel herrscht eine gewisse Solidarität unter Kampfsportlern und häufig rechnen Ihnen die Trainer schon Ihren Mut, sich von Ihrem Basissystem zu lösen und aus Ihrem Lerneifer heraus den Gang in seine Schule zu wagen, hoch an. Vielleicht hat der Trainer ja selbst bereits Cross-Training-Erfahrung gesammelt, oder zumindest schon einmal ähnliche Überlegungen gehabt. Aus solchen Zusammentreffen können sich, meiner Erfahrung nach, nicht nur für beide Seiten ausgesprochen lehrreiche Trainingseinheiten, sondern sogar feste Freundschaften ergeben.

 

 

Die Kirche im Dorf lassen

Häufig wird man unbewusst von den Vorzügen des Ergänzungsstils geblendet. Diese Gefahr besteht besonders bei Cross-Training-Neulingen, die bisher eher wenig über den Tellerrand geschaut haben. Das neue System scheint auf einmal die Lösung für alle Probleme darzustellen. Die erworbenen Fertigkeiten im Basisstil erscheinen plötzlich vollkommen nutzlos, da man sie ja im neuen Training kaum einbringen kann. Hinzu kommt, dass der Trainer einem häufig durch seine Fähigkeiten in gewisser Weise imponiert. Schnell vergisst man dabei, wie viel Zeit und Energie man selbst in seinen Basisstil investiert hat, um dort sein jetziges Niveau zu erreichen, wie viele Enttäuschungen und Mühen mit dem eigenen Fortschritt verbunden waren. Ähnlich viel hat auch der Trainer in ihrem neuen Ergänzungssystem investiert und genauso viel werden Sie selbst auch dort wieder investieren müssen, wenn sie jemals sein Niveau erreichen wollen. Top-Leistungen sind immer das Ergebnis jahrelang beständiger harter Arbeit. Das gilt unabhängig vom jeweiligen System. Beim Cross-Training ist es wie bei ihrem Basisstil: Wer nach schnellen Ergebnissen giert, wird unweigerlich scheitern.

 

 

Zurück zum Basisstil – Die Erste

Wenn Sie also ihr Cross-Training-Projekt nach der festgelegten Zeit erfolgreich abgeschlossen und den gewünschten Lernerfolg erreicht haben, beginnt eine weitere, häufig ebenso schwierige Phase: Die Wiedereingliederung in ihr Basissystem. Diese muss sowohl auf technischer, als auch mentaler Ebene erfolgen. So ein Cross-Training-Projekt ist in gewisser Weise mit einem längeren Auslandsaufenthalt vergleichbar. Man hat die letzte Zeit ausgesprochen intensiv verbracht, viele neue Eindrücke gesammelt und den Horizont erweitert. Trotzdem freut man sich nachher, wieder „zu Hause“ zu sein. Die „Daheimgebliebenen“ haben diese Erfahrungen allerdings nicht gemacht und können Ihre neuen Ansichten und Ideen wahrscheinlich nicht immer nachvollziehen. Wie einleitend erwähnt, haben viele auch selbst gar nicht das Bedürfnis nach ähnlichen Erfahrungen. Machen Sie sich also auf jeden Fall auch auf eine gewisse Abneigung gefasst.

Diese Abneigung zeigt sich meist besonders deutlich, wenn Sie versuchen, die neuen Techniken im regulären Unterricht ihres Basisstils anzuwenden. Die Reihe der möglichen Reaktionen des Trainingspartners kann hier von einer gewissen Irritation bis hin zu wilden Wutausbrüchen führen.

Als Bewertungsmaßstab wird übrigens zumeist das Technikrepertoire des „Heimatclubs“ und selten das des jeweiligen Stils herangezogen. Es ist also durchaus möglich, dass Ihnen auch schon nach einem Trainingsaufenthalt in einem anderen Basisstil-Club eine ähnliche Reaktion entgegenschlägt. Mir selbst ist dies etwa bei einer speziellen Wurftechnik im Karatebereich passiert. Obwohl die Technik eindeutig im Wettkampf-Regelwerk erwähnt war, gab es im Heimtraining, nach erfolgreicher Anwendung meinerseits, heftige Diskussionen und irritierte Blicke…

 

 

Zurück zum Basisstil – Die Zweite

Darüber hinaus müssen Sie selbst auch technisch eine Möglichkeit finden, um Ihre neuen Fähigkeiten mit ihrem Basisstil zu kombinieren. Dieser Prozess wird häufig vollkommen übersehen. Er ist jedoch elementar für ein erfolgreiches Cross-Training. Sie müssen, ungeachtet sämtlicher Widerstände, eine Nische finden, in der sie ihre neuen Erfahrungen einbringen und mit ihren alten Fähigkeiten kombinieren können. Wenn das von Ihnen erlangte Wissen ungenutzt verbleibt und Sie nach dem Cross-Training einfach wieder hundertprozentig in Ihren Basisstil einsteigen, ist eine nette Erinnerung auf Dauer alles was übrig bleibt.

 

 

Maß halten

Ta gei wa mu gei - Wer vielen Künsten dient, dient keiner.“ Dies ist ein Ausspruch, den auch der Cross-Trainer zumindest in den Grundzügen beherzigen sollte. Der Wunsch nach immer mehr Wissen und einer ständig neuen Trainingsumgebung kann auf die Dauer zu einer wahren Sucht werden. Das ständige Wechseln zwischen Schulen und Systemen wirkt allerdings bereits ausgesprochen schnell kontraproduktiv. Es dauert nicht lange und man macht alles etwas und nichts richtig. Auf diese Art und Weise des Trainings nehmen die effektiven Kampffähigkeiten schneller ab, als manch einer gucken kann.

Sie sollten dementsprechend Ihre Cross-Training-Projekte mit Bedacht wählen und sich stets genug Zeit für die technische und mentale Wiedereingliederung in den Basisstil nehmen.

 

 

Lehrgänge

Seminare und Lehrgänge sind gemeinhin ein beliebtes Instrument für Cross-Traininig-Neulinge. Viele schätzen dort die gewisse Anonymität. Beim Thema Lehrgänge wären zum einen einmal die zahlreichen „Basis-Seminare“ oder „Schnupperkurse“ zu erwähnen. Manch einer tönt später: „Ja ich hab das mal gemacht“ und glaubt sich demnach ein kompetentes Urteil über den gesamten Stil erlauben zu können. Basis-Seminare eignen sich, um einen ersten Eindruck des Systems zu erhalten. Da Sie aber meist in einer Gruppe trainieren, in der alle anderen auch nicht wirklich in dem System kompetent sind und der Unterricht auch vollständig auf Anfänger ausgerichtet ist, können Sie sich kein Bild vom regulären Trainingsalltag, den verwendeten Übungen und dem Niveau der Gruppe machen. Wie gesagt, für einen ersten Eindruck nicht schlecht.

Anders sieht es hingegen mit den regulären Lehrgängen des Systems aus. Viele Vereine, Verbände und Organisationen richten heute für ihre Mitglieder Seminare mit Top-Trainern aus. Wenn Sie mit dem jeweiligen Stil nicht einmal in Ansätzen vertraut sind (soll heißen, nicht mindestens 50 Trainingseinheiten in dem System absolviert haben), sind solche Lehrgänge zum Cross-Training definitiv das falsche Instrument. Alle anwesenden möchten dort etwas lernen. Da ist wirklich jeder zuerst einmal mit sich beschäftigt und versucht, die neuen Techniken selbst umzusetzen. Verständlicherweise hat dann selten jemand den Nerv, Ihnen noch extra Grundlagen-Unterricht zu geben. Und es gibt kaum etwas Unangenehmeres, als vor der gesamten Lehrgangsgruppe durch den Lehrer selbst die absoluten Grundtechniken des Systems erklärt zu bekommen. Nur Idioten fassen dies als Ehre auf.

 

 

Extremfall #1

Unter Umständen gefällt Ihnen das neue Ergänzungssystem so gut, dass Sie gar nicht mehr in Ihren Basisstil zurückkehren möchten. Augenscheinlich haben Sie etwas gefunden, dass Ihnen mehr Freude bereitet. Dann machen Sie doch einfach den Ergänzungsstil zu Ihrem neuen Basisstil. Einen Systemwechsel haben Sie eigentlich nur vor sich selbst zu verantworten. Wenn Sie das Training dort doch glücklicher macht… Wie erwähnt, ist persönliche Zufriedenheit schließlich die Hauptsache und die verfügbare Zeit stark begrenzt.

 

 

Extremfall #2

Ebenso ist es möglich, dass Ihnen Ihr Cross-Training überhaupt nicht zusagt. Vielleicht hatten Sie Pech mit der ausgesuchten Schule, oder Sie sind einfach mit falschen Vorstellungen an das Projekt gegangen oder Sie mögen das Konzept nach praktischer Umsetzung doch nicht so gerne. Dann sind Sie immerhin um diese Erkenntnis schlauer geworden. Häufig findet man das was man möchte auch durch Ausgrenzung der Dinge die man nicht möchte. Cross-Training ist halt nur eine Möglichkeit des Trainings, die einfach nicht für jedermann geeignet ist.

Tun Sie sich selbst und allen Beteiligten jedoch den Gefallen und sprechen Sie anschließend nicht abwertend über das System. Schlecht über einen anderen Stil zu sprechen, zeugt von schlechtem Stil. Vergessen Sie nicht, dass Sie meist gerade einmal das Training eines bestimmten Lehrers in einer bestimmten Schule erlebt haben. Daraus Rückschlüsse auf den gesamten Stil zu ziehen ist überaus oberflächlich. Diskussionen à la „Stil YX ist besser als YZ“ gibt es in den zahlreichen Internet-Foren schon zur Genüge. Mich persönlich erinnern sie immer an alte Kindergarten-Tage („Mein blauer Ball ist schöner als dein Roter!“).

  

 Cross-Training kann ein überaus ergiebiges Instrument für den engagierten Kampfkünstler darstellen. Aufgrund seiner individuellen Struktur, dem hohen Grad an intrinsischer Motivation und der übermäßigen Eigenverantwortung ist es aber wohl eher für einige Individualisten, als für die breite Masse geeignet. Ich bezeichne Cross-Trainer gerne als die Kosmopoliten der Kampfkünste. Sie sind aufgeschlossen, neugierig und lernen ständig hinzu. „Die sind aber auch nirgendwo richtig zu Hause“ merkt manch einer dann kritisch an. Doch andersherum wird ein Schuh draus: Derjenige, der die weite Welt kennt, weiß meistens auch, wie schön es zuhause ist. Doch die, die das Haus nie verlassen, merken erst wenn es hereinregnet, dass ein Dachziegel fehlt. Oder um es mit dem trefflichen Worten von Rudyard Kipling (1865-1936) zu sagen: "Und was sollen schon die von England wissen, die nur England kennen?" (The English Flag, 1897).

 

Druckversion (als PDF-Datei)

 

© Matthias Golinski, 2005
www.TSURU.de

Erstveröffentlichung: 15. November 2005

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