Ein Blick aus dem Fenster

– verfasst von Matthias Golinski –

 


In der Kampfsportszene hört man heute oft, wie wichtig doch der „Blick über den eigenen Tellerrand“ für die eigene Entwicklung sei. Besonders im Zusammenhang mit Themenbereichen wie „Anwendbarkeit“ oder „Selbstverteidigung“ wird das ergänzende Training in anderen Stilen häufig positiv erwähnt. So konzentrieren sich viele Kampfkünstler heute besonders beim SV-Training auf andere Stile und hoffen dort wertvolle Einblicke zu erhalten. Mancher Karateka ergänzt sein Training durch Krav Maga oder viele Jûdôka lernen Schlagen und Treten beim Muay Thai. Da diese Vorteile auch auf Tsuru.de bereits an anderer Stelle ausführlich diskutiert wurde, möchte ich mich nun einem weiteren Aspekt widmen, der im Bezug auf dieses Thema wahrscheinlich noch wichtiger ist: Anstatt einem „Blick über den eigenen Tellerrand“ geht es nachfolgend nämlich um den schlichten ‚Blick aus dem eigenen Fenster'.

Sobald die erklärte Zielsetzung des eigenen Trainings nämlich die Selbstverteidigung, oder sagen wir besser der Selbstschutz ist, muss sich das Training auch zwangsläufig an den tatsächlichen Gegebenheiten orientieren. Obwohl diese Feststellung ebenso schlicht wie intuitiv zugänglich ist, scheint sie bei vielen Kampfkünstlern noch immer nicht vollumfänglich angekommen zu sein. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck in Anbetracht diverser „SV-Lehrgänge“ und „SV-Trainingseinheiten“ in zahlreichen Dôjô verstärkt auf.

Der Bedarf für einen solchen Realitätsabgleich nimmt beim Selbstschutztraining zweifellos eine Sonderstellung ein. Bei anderen Trainingsaspekten ist dies nicht in dieser Form nötig. So besteht bei Trainingszielen wie ‚Charakterschulung' oder ‚Fitnesstraining' zweifellos kein derartiges Erfordernis. Beim sportlichen Wettkampf ist dies schon etwas anders. Ändert sich etwa die Punktvergabe oder die Ausführungsart einer Kata ist man als Athlet gut beraten, diese Veränderungen im Training zu berücksichtigen. Während im Shiai bei solchen Versäumnissen aber schlimmstenfalls ein verpatztes Turnier droht, kann die Unkenntnis der inhärenten Spielregeln im SV-Fall lebensbedrohliche Konsequenzen nach sich ziehen. Diese schlichte Erkenntnis bringt der renommierte Selbstschutz-Experte Geoff Thompson (6. Dan) in folgender indirekten Handlungsanweisung treffend auf den Punkt: „Wenn sich der Gegner ändert, passe ich mein Training an“. [1]

Machen wir uns nichts vor, die meisten Kampfkünstler sind mit dem Phänomen „Gewalt“ glücklicherweise kaum vertraut. Die wenigsten Übenden sind häufiger in der Situation sich ihrer körperlichen Unversehrtheit physisch erwehren zu müssen. Körperliche Auseinandersetzungen sind für sie i.d.R. die bedeutende, vielleicht sogar nie eintretende, Ausnahme. Auch wenn diese Tatsache bedeutend für unsere Zivilisation spricht, eröffnet sich für das Training der Kampfkünste zu Verteidigungszwecken doch auch einen bedeutenden Nachteil: Die meisten Übenden können sich eine konkrete Verteidigungssituation im Training schlicht nicht wirklich vorstellen.

Somit stellt sich die Frage, wie ein solcher Realitätsabgleich dann stattfinden soll. Entgegen einiger Befürchtungen ist dafür keinesfalls eine Dekade fortwährender Türstehertätigkeit, wie in Thompson's Falle, von Nöten. (Auch wenn dies der Zielsetzung zweifellos nicht abträglich ist.) Um einen grundlegenden Eindruck zu bekommen, reicht in den meisten Fällen bereits der Blick in die lokale Tageszeitung. Schauen wir uns nachfolgend doch einmal elf willkürlich ausgewählte, thematisch passende Beispiele aus den regionalen Printmedien der vergangenen Wochen an:

 

 

Aus dem aufmerksamen Studium derartiger Artikel lassen sich schnell einige wichtige Erkenntnisse für das Training ableiten:

 

Skrupellosigkeit

Viele Täter kümmern sich nicht um das Wohlergehen oder die Folgen der Gewalteinwirkung für ihr Opfer. So verwundert es auch nicht, dass die Gewalteinwirkung verstärkt über das Primärziel hinaus andauert. Es finden sich vermehrt Berichte von Situationen in denen skrupellos fortwährend auf Körper und sogar Kopf bereits wehrloser Personen eingetreten wurde. Auch der Einsatz von Waffen entbehrt hier häufig jeder Angemessenheit. Häufig spielen auch niedere Beweggründe in das Verhalten hinein, welche für den Normalbürger schwerlich nachvollziehbar sind. Sobald es zur körperlichen Auseinadersetzung kommt, rücken also auch schwerste körperliche Schäden und sogar der eigene Tod in den engeren Alternativenraum. Seien Sie sich dessen unbedingt bewusst!

 

 

Ablenkung

Besonders bei Raubüberfällen lenken viele Täter ihre Opfer durch scheinbar harmlose Fragen nach der Uhrzeit oder Wechselgeld von ihrer eigenen Person ab. Daraufhin schlagen sie das überraschte Opfer scheinbar ansatzlos nieder und berauben es anschließend der Wertsachen. Die hier angewendete Gewalt steht dabei oft in keinem Verhältnis zum Wert der erbeuteten Gegenstände.

 

 

Einsatz von Waffen

Straftaten werden vermehrt bewaffnet durchgeführt. Insbesondere Messer erfreuen sich hier wegen ihrer leichten Verfügbarkeit großer Beliebtheit. Sie müssen also damit rechnen, dass ihr Gegner bewaffnet ist und auch ohne direkt erkennbaren rationalen Grund wahrscheinlich gewillt ist diese einzusetzen.

 

 

Nichtigkeit

Viele Täter scheuen nicht davor zurück, anderen Menschen bereits bei marginalen Konflikten gravierende körperliche Schäden zuzuführen. Unbedeutende Belanglosigkeiten können bereits eine folgenschwere Kettenreaktion auslösen und schlussendlich in, von allen Seiten unbeabsichtigten, Tragödien münden. Seien Sie sich dessen bewusst und versuchen Sie sich Konfliktsituationen unbedingt frühzeitig Mittels ‚Vermeidung' und ‚Deeskalation' zu entziehen.

 

 

Komplizenschaft

Täter gehen heute verstärkt in Gruppen organisiert auf einzelne los. Dieser Umstand ist in der jeweiligen Situation allerdings oft nicht direkt ersichtlich. So halten sich die Helfer häufig zunächst im Hintergrund verborgen und nutzen dann den (zusätzlichen) Überraschungsmoment. Mitunter beteiligen sich auch eigentlich Konfliktfremde an der Schlägerei, weil sie „gerade Bock d'rauf“ hatten. Dieses Phänomen findet sich besonders in Bars und Discotheken gelegentlich, sobald sich eine anonyme Masse um die Kämpfenden bildet. Rechnen Sie also vorsorglich immer mit mehreren Gegnern und bereiten Sie sich schon im Training auf Überraschungsangriffe vor.

 

 

 

Drogenkonsum

Gewalttaten wie Raubüberfalle und Körperverletzung finden häufig unter dem Einfluss von Alkohol oder sonstigen Rauschmitteln statt. Dies hat für den Verteidiger bedeutende Auswirkungen auf seine Strategie. So ist der berauschte Aggressor häufig deutlich weniger empfänglich für Deeskalationsversuche oder „gutes Zureden“. Außerdem ist sein Schmerzempfinden häufig stark herabgesetzt. Ebenso verhält es sich auch mit der Fähigkeit rationale Entscheidungen treffen zu können.

 

 

Keine Altersbegrenzung

Heutzutage kann grundsätzlich jeder Bürger und jede Bürgerin Opfer von Gewalt werden. Die Alterstruktur entspricht dabei leider der Lebenspanne und reicht vom Kleinkind bis zum Rentner. Selbst das Zuhausebleiben schützt hier, wie obige Beispiele zeigen, nicht. Die Ausprägungen der Gewalt können dabei in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht variieren, müssen dies im Einzelfall aber nicht. Analysieren Sie also durch welche Art von Gewalt Sie durch Geschlecht, Alter und Lebenswandel besonders bedroht sind und bereiten Sie sich gezielt auf die entsprechenden Szenarien vor.

 

 

Fehlende Logik

Gewalttaten entbehren häufig jeder Logik. Je ausgeprägter dabei das soziale Empfinden des einzelnen ist, desto schwerer wird er das Verhalten des Aggressors verstehen können. Hinzukommt, dass derartige Konflikte i.d.R. ein komplexes Konstrukt wechselseitiger Stimuli sind, welches häufig unbewusst für alle Parteien kontinuierlich härtere Ausprägungen annimmt und nicht selten in exzessiver Gewalt mündet. Ein Wort kommt zum anderen und schlussendlich weiß oft niemand, was eigentlich passiert ist. „Die Friedhöfe sind voll mit Leuten die dachten, dass ihnen das nicht passiert, als sie zu streiten anfingen“ schreibt Selbstverteidigungsexperte Marc MacYoung dazu. [2]

Versuchen Sie also nicht etwas zu verstehen, was kaum zu verstehen ist. Schon gar nicht in der Situation selbst. Unterschätzen Sie nie die möglichen Folgen schon einfacher Wortgefechte und bereiten Sie sich mental auf das Schlimmste vor. Je jünger der Konflikt, desto einfacher ist er zu vermeiden bzw. zu beenden.

 

 

Was ist nun mit diesen Ergebnissen anzufangen? Wenn Sie mit dem Ziel des Selbstschutzes trainieren, sind Sie gut beraten, derartige Erkenntnisse in Ihrem Training zu berücksichtigen. Fragen Sie sich selbst einmal, ob und in wie weit dies bisher passiert. Machen Sie etwa Szenario-Training mit mehreren Aggressoren und unabgesprochenen Angriffen? Oder Verteidigung gegen bewaffnete Angreifer? Oder Deeskalationstraining mit Distanzmanagement unter Stress? Zeigt ihnen Ihr Trainer oder Ihre Trainerin wie sie potentiell gefährliche Situationen frühzeitig erkennen und geschickt umgehen, wie Sie Ablenkungsmanöver erkennen und angemessen reagieren, oder wie Sie Anzeichen für Drogenkonsum sehen und richtig interpretieren?

Alle diese Elemente und Übungsformen sind elementar für den Selbstschutz, sodass bestenfalls gar keine Selbstverteidigung im klassischen Sinne mehr nötig ist. Bedauerlicherweise setzten die Mehrzahl der Dôjô und Vereine noch immer Selbstschutz mit Selbstverteidigung gleich und reduzieren dabei diese äußerst komplexe Thematik auf die rein physische Auseinandersetzung.

Wenn Sie den Selbstschutz zum erklärten Ziel Ihres Trainings machen oder bereits gemacht haben, bleibt die Beschäftigung mit dem Thema ‚Gewalt' mittelfristig nicht aus. „Wenn du dich selbst und deinen Gegner kennst, brauchst du den Ausgang von 100 Schlachten nicht zu fürchten.“ sagte der chinesische Heerführer Sunzi vor bereits vor 2500 Jahren. Denn wenn Sie keine Vorstellung davon haben, wie Gewalt täglich auf unseren Straßen abläuft, hilft Ihnen auch diverses Cross-Training auf Dauer nicht wirklich. Also blicken Sie nicht nur über ‚Tellerränder', sondern riskieren Sie gelegentlich auch mal einen Blick in die Realität um Sie herum; und wenn es nur Mittels der Tageszeitung ist…

  

 

 

Endnoten

[1] Geoff Thompson, private Korrespondenz, 2000.

[2] Marc MacYoung, A Professional's Guide to Ending Violence Quickly – How Bouncers, Bodyguards, and Other Security Professionals Handle Ugly Situations, Boulder 1993, S. 15.

 

  

  

Druckversion (als PDF-Datei)

 

© Matthias Golinski, 2008
www.TSURU.de

Erstveröffentlichung: 15. Juni 2008

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