Endlich anpassen!?

– verfasst von Matthias Golinski –


Ich persönlich freue mich immer über Gespräche mit Kampfkünstlern aus anderen Stilen. Zum einen, weil sie, Aufgrund der anderen Vorbildung, viele grundlegende Dinge anders betrachten und so hilfreiche Anregungen geben. Zum anderen sehen sie oft scheinbar verschiedene Dinge genauso und eröffnen damit ungeahnte Parallelen.
Abgesehen davon eröffnen mir derartige Gespräche aber auch immer einen Eindruck davon, wie Karate in der Kampfsport/Kampfkunst-Welt betrachtet und wahrgenommen wird.
Gerade im Bereich „Selbstverteidigung“ werde ich häufig mit verschiedenen Aussagen konfrontiert: „Bodenkampf und Werfen gehört auch zum Kämpfen“, „Ihr macht immer noch das Gleiche wie vor 40 Jahren“, „Karate trainiert keine Selbstverteidigung“, „Es gibt schon lange nicht mehr nur Karate und Jûdô auf dem Markt“ „Ihr lebt in einer Traumwelt“ „Der Gegner hat sich geändert“, „Ihr müsst euch endlich anpassen! etc.
Und insgesamt haben sie Recht! In allen Punkten, mit einer Ausnahme. Aber schauen wir uns die Aussagen einmal der Reihe nach an:

 

„Bodenkampf und Werfen gehört auch zum Kämpfen!“
Stimmt! Bodenkampf und Werfen sind in der Tat integrale Bestandteile des waffenlosen Zweikampfs. Genauso wie Würgen, Greifen, Treten, Schlagen, Hebeln etc.

 

„Ihr macht immer noch das Gleiche wie vor 40 Jahren!“
Stimmt! Das Karate-Kurrikulum hat sich trotz divergierender Präferenzen der Mitglieder, zumindest im Deutschen Karate Verband, seit seiner Gründung kaum verändert. Das Zusatz-Angebot wurde erweitert (Kara-T-Robics, Sound-Karate...), aber an der Art wie das Karate selbst unterrichtet wird, hat sich fast nichts getan.

 

Karate trainiert keine Selbstverteidigung!“
Stimmt! Funktionelle Selbstverteidigung gegen alltägliche Angriffe (Schwinger, Schubsen, Provokationen...) wird heute zumindest in der, mit Abstand, größten Stilrichtung des Deutschen Karate Verbandes (Shôtôkan) kaum regelmäßig trainiert (von einigen löblichen Ausnahmen selbstverständlich abgesehen). Der Trainingsplan ist meist stark an der Prüfungsordnung orientiert. Und diese wiederum (noch immer) stark an der Wettkampfstruktur. (Im zweit-größten Verband, dem Deutschen JKA Karate Bund sieht es übrigens nicht wesentlich anders aus)
Die Aussage, dass man sich mit Karate-Techniken nicht verteidigen könne, ist hingegen grundverkehrt. Das Problem sind nicht die Techniken, sondern i.d.R. die Art wie sie vermittelt werden.

 

„Es gibt schon lange nicht mehr nur Karate und Jûdô auf dem Markt!“
Stimmt! Die Kampfsport-Szene ist heutzutage umfangreicher und komplexer als jemals zuvor. Nahezu täglich kommen neue Stil-Kreationen oder Absplitterungen, Verbände oder Systeme hinzu. Auch wenn der Bereich somit für den Laien immer unübersichtlicher wird, ist dieser natürliche Prozess insgesamt dennoch durchaus positiv.
Durch diese Entwicklung ist aber auch der Dialog zwischen den Systemen deutlich angestiegen. Es ist nun wesentlich einfacher, Konzepte zu vergleichen und auch Schulen zu wechseln, als dies noch vor 25 oder 30 Jahren der Fall war.

 

„Ihr lebt in einer Traumwelt!“
Stimmt! Viele Karateka gehen meines Erachtens nach besonders in puncto „Selbstverteidigung“ und „realer Kampf“ von falschen Gegebenheiten aus. Sie überschätzen ihre kämpferischen Fähigkeiten und unterschätzen die des potentiellen Gegners. Zwar hat der durchschnittliche Schläger zweifelsfrei nicht die letzten 5+x Jahre dreimal pro Woche 90-Minuten lang ein schweißtreibendes Training über sich ergehen lassen, dafür aber in dieser Zeit wahrscheinlich 1+x mal pro Woche 30 Sekunden lang die Realität kennen gelernt. Vielen Karateka fehlt sogar das theoretische Wissen über den Ablauf und die Regeln einer Schlägerei. Demnach gehen sie oft von zu großen Distanzen und falschen Kampfzeiten aus.

 

„Der Gegner hat sich geändert!“
Stimmt nicht! Geändert hat sich der potentielle Feind zweifellos nicht. Der durchschnittliche unbewaffnete Angreifer hat noch immer zwei Arme, zwei Beine und einen Kopf. Genauso, wie vor 500, 1000 oder 2000 Jahren. Es gab in dieser Zeit keine evolutionäre Veränderung, die neue unbewaffnete Angriffsarten ermöglicht hätte, wie etwa ein dritter Arm oder dergleichen.
Es mag sein, dass die Gewaltbereitschaft in unseren Breiten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kontinuierlich zunimmt und die Gesellschaft langsam verroht. Aber gemessen an den Verhältnissen vergangener Tage, zu jener Zeit als die Kampfkünste entstanden, sind diese Veränderungen nahezu unbedeutend. Die Kampfkünste entwickelten sich in Zeiten, zu denen Raub, Vergewaltigung und andere gewalttätige Übergriffe auf Zivilpersonen schon fast zur Tagesordnung gehörten oder zumindest das Risiko allgegenwärtig war. Zeiten, die von Bürgerkriegen und ständigen Tumulten geprägt wurden.


Wie sollen wir im Karatebereich uns demnach also verhalten? Wie und vor allem woran anpassen? Sollen wir einfach erfolgsversprechende Techniken aus anderen Kampfkünsten übernehmen und so das Karate anpassen? Da wären dann also der Armhebel aus dem Jû-Jutsu, die Handtechniken der Boxer, Kettenfauststöße aus dem WingTsun/WingChun, Bodenkampf vom Ringen, Werfen aus dem Jûdô und Kniestöße aus dem Muay Thai. Ach ja, da die Taekwondoin ja ungefähr zu 70 Prozent Tritte verwenden, können wir da bestimmt auch noch etwas abschauen. Heraus kommt ein toller Kampfkunst-Gemischtwarenladen, indem sogar der Verkäufer nur noch schwer seine eigenen Produkte findet.
Cross-Training“ ist zur Zeit stark in Mode. Auch ich trainiere seit vielen Jahren regelmäßig (und meist mit großer Freude) in anderen Stilen und Systemen. Ein Fehler, der hier jedoch häufig gemacht wird ist, dass Techniken kritiklos übernommen werden. Jemand, der bisher immer nur geschlagen und getreten hat, tut sich keinen Gefallen, wenn er nun die drei Lieblingswürger des örtlichen Jûdô-Lehrers lernt und als Patentrezept in sein Kampf-Repertoire packt. Man sollte lieber überlegen, wie man die Techniken sinnvoll in seinen persönlichen Kampfstil integriert, d.h. wie man vom Schlag in eine Position kommt, in der man seinen Würger auch optimal ansetzen kann. Und gerade an diesem Übergang mangelt es häufig.
Und um es auch deutlich zu sagen: Viele Techniken und Konzepte lassen sich schlichtweg nicht integrieren. Sie sind vom Gedanken her vielleicht hocheffektiv, passen aber einfach nicht in das Karate-Konzept. Hier ist es doch auch keine Schande, zuzugeben, dass diese „stilfremde“ Lösung vielleicht für jemanden persönlich besser geeignet ist, als die (zeitgenössische) Karate-Variante.


Egal was wir machen, man kann die Realität nicht trainieren. Es wird heute so gerne von „realistischem Training“ gesprochen. „Realistisches Training“ heißt, irgendwo Schlägerein zu provozieren, oder sich à la „Fight Club“ mit Gleichgesinnten in irgendeinem Keller einfach mal zu prügeln (Ohne kampf-relevante Regeln und Schutzausrüstung versteht sich!). Alles andere sind stets nur Annäherungen an den „realen“ Kampf [E01].

Verstärkt kann man diese Anregungen nun auch aus den eigenen Reihen vernehmen. Erst kürzlich erschien hierzu ein interessanter Leserbrief in der Fachzeitschrift des Deutschen Karate Verbandes (DKV) [E02]. Hier wurden im Bereich Selbstverteidigung einmal wieder alte Ideen als revolutionäre Konzepte verkauft. Ansätze, wie etwa das Weglassen/Reduzieren der Formalien (Verbeugung, Mokusô etc.) oder das Training in Alltagskleidung gibt es bereits seit Bruce Lees Zeiten (60er Jahre).
Man darf jedoch eins nicht vergessen: Wir opfern hier dem Zweck unsere gesamte Tradition. Nahezu alles, was Karate als Kampfkunst ausmacht und unterscheidet wird hier aufgegeben. Wie gesagt, ist dieser Einfall wahrlich nicht neu und so gibt es bereits seit geraumer Zeit andere Kampfsportler- und Gruppen, die diese Trainingsart weiterentwickelt und verfeinert haben. Es wären hier also ungefähr 30+x Jahre an Trainingserfahrung und „Try-and-Error“ aufzuholen. Und dabei ist noch nicht einmal erwiesen, in wie weit diese Trainingsumstellung wirklich besser zur Lösung unserer Probleme geeignet ist.

Man sollte ehrlich sein: Jemand der akute Angst um sein Leben hat und in kurzer Zeit verteidigungsbereit sein muss, ist beim Karate falsch; und bei allen anderen Kampfkünsten und –Systemen im Übrigen auch. Und das gilt meiner Ansicht nach vom Aikidô bis zum Wing Tsun und vom Jû-Jutsu bis zum militärischen Nahkampf. Realistisch betrachtet, würde ich in diesem Fall wohl ebenso wie Keith R. Kernspecht (10. Grad WingTsun) zum „Smith&Wesson-System“ oder vielleicht sogar zu professionellen Personenschützern raten [E03].


Oder sollen wir uns vielleicht bewusst gar nicht anpassen? Wir könnten die „unliebsamen Wahrheiten“ bzw. „polemischen Provokationen“ (je nach Betrachtungsweise) doch auch schlichtweg ignorieren. Nach der bewährten Vogel-Strauss-Technik können wir einfach alle Kritik unbekümmert über uns ergehen lassen und auf unseren perfekten Stil vertrauen.
Wenn man sich jedoch anschaut, wie selten auf diesem Planeten wirklich perfekte Dinge erschaffen werden, wird schnell klar, wohin eine solche „Elfenbeinturm-Politik“ führen würde. Dies wäre wahrscheinlich nicht nur der einfachste, sondern wohl auch der sicherste Weg in die Isolation. Also keine wirkliche Alternative.

Der Selbstverteidigungs-Gedanke ist noch immer die Hauptmotivation der meisten Karateanfänger. In Anbetracht der vorherigen Überlegungen ergeben sich aus diesem Faktum genau zwei Handlungsmöglichkeiten:
Nummer 1: Wir fangen endlich an, dem Schüler konsequent Techniken und Prinzipien zu vermitteln, mit denen sie/er (unter optimaler Nutzung ihrer/seiner Möglichkeiten) in einer Selbstverteidigungssituation eine realistische Verteidigungschance hat. Dies impliziert, dass wir dem 120-Kilo-Mann unter Umständen andere Konzepte und Kombinationen zeigen müssen, als der 60-Kilo-Frau, und dass der 60-jährige Rentner anders unterrichtet wird, als der 20-jährirge Student. Intelligente Differenzierung statt dumpfer Gleichmacherei.

Nummer 2: Wir belassen alles, wie es ist und klären den Neu-Anfänger noch vor der Übergabe der Anmeldung über den Sachverhalt auf. Wir sagen ihr oder ihm, dass wir einen attraktiven Wettkampfsport mit geringer Verletzungsquote, ein raffiniertes und abwechslungsreiches Fitnesssystem und eine ostasiatische Kunst zur Selbstfindung und Charakterschulung anbieten. Gleichzeitig sagen wir aber auch, dass jemand, der die Option des Selbstschutzes in einer Notsituation sucht hier leider falsch ist!
Denn es ist sowohl unmoralisch, als auch unlauter, vollmundig mit dem Aspekt „Selbstverteidigung“ zu werben um potentielle Mitglieder zu ködern und dann noch nicht einmal die zugehörigen Strukturen anzubieten. Schließlich ist der Bereich „Selbstverteidigung“ z.Z. weder im Shôtôkan-Prüfungsprogramm des DKV, noch in dem des DJKB ein Bestandteil. Und wenn man dann noch in karate-fremden Publikationen von einem hochrangigen Honorartrainer des DKV lesen muss, dass Selbstverteidigung „bei uns im Kampfsport eher eine Nebenrolle spielt“ fühlt man sich als Mitglied wahrlich „vera****t“ [E04].

Verstehen Sie mich nicht falsch. Es geht mir weder darum, das Karate gegenüber anderen Kampfkünsten/Kampfsportarten abzuwerten oder schlechtzureden. Vielmehr möchte ich Sie anregen, mitzuhelfen das Karate wieder zu dem zu machen, als das es immer gedacht war: Eine intelligentes Konzept zur Selbstverteidigung, das körperliche Differenzen durch Technik zu überbrücken versucht.

 

 

Endnoten

[E01]
 
Ganz streng genommen sind sogar die beiden erwähnten Punkte nur Annäherungen, da hier vorab eine umfangreiche mentale Vorbereitung auf den anstehende Kampf möglich ist. zurück
[E02]
 
Vgl. Krieger, Irven-Leroy, Gedanken zum SV-Training, in Karate – Fachzeitschrift des Deutschen Karate Verbandes e.V., Gladbeck, 6/2003, S. 9 zurück
[E03] Vgl. zum „Smith&Wesson-System“: Kernspecht, Vom Zweikampf (Burg/Fehmarn, 41994), S. 27 zurück
[E04]
 
 
Siegfried Wolf, 6. Dan und Vize-Weltmeister, schrieb im Vorwort zu Keith Kernspechts Buch „Blitzdefence“ (Burg/Fehmarn, 2000) „Dieses Buch ist ausschließlich dem Selbstverteidigungsaspekt gewidmet, der bei uns im Kampfsport eher eine Nebenrolle spielt.“ (S. 19). Meine Aussagen sollten keinesfalls als Kritik an Herrn Wolf verstanden werden, denn schließlich ist er, bezüglich meiner Anregungen, einer der wenigen Lichtblicke unter den DKV-Lehrern. zurück

 

 

Druckversion (als PDF-Datei)

 

© Matthias Golinski, 2004
www.TSURU.de

Erstveröffentlichung: 15. Februar 2004

Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen dem Archiv des Autors oder sind mit der Genehmigung der jeweils verantwortlichen Dritten verwendet worden. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass Homepages (mit all ihren Einzelheiten) auch dem Schutz des Urheberrechts unterliegen.
Ohne die schriftliche Erlaubnis des Autors darf kein Teil dieser Homepage (weder Abbildungen noch Texte) in irgendeiner Weise reproduziert werden.

zurück