Angst – Ein entscheidender Faktor

– verfasst von Matthias Golinski –


„Hey, was guckst du so blöd, haste ’n Problem?“ Mark war sichtlich irritiert. Was bildete dieser Rüpel sich ein, derart mit ihm zu reden. Schließlich hatte er nun schon fünf Jahre Kampfsporttraining hinter sich. Während er noch überlegte, hatte der aggressive Frager bereits die Distanz überwunden. „Hey ich red’ mit dir, du Ar*******“ „Es ist besser, wenn Du mich in Ruhe lässt“ konterte Mark bei weitem nicht so souverän, wie er sich das gedacht hatte. „Sonst was? du Wi*****“ Mark fühlte, wie seine Beine weich und sein Mund trocken wurde. „Sonst? Ja sonst polier’ ich Dir die Fr****“ stammelte er noch. Der erste Schlag kam wie aus dem Nichts. Nummer zwei brachte ihn ins Taumeln, der dritte Schlag riss ihn zu Boden...

Wahrlich lang ist die Liste all jener begnadeten Dôjôkämpfer, die in der vertrauten Atmosphäre der heimischen Trainingshalle jeden Übungskampf spielerisch routiniert gewannen und sich dann von einem, meist nicht einmal, mittelmäßigen Straßenschläger haben krankenhausreif schlagen lassen. Dem nicht sachenkundigen Laien mag dies genauso ungebreiflich erscheinen, wie dem jungen Kampfsport-Novitzen. Und unter fortgeschrittenen Kampfkünstlern wird über derartige 'Zwischenfälle’ meist sehr ungern, und wenn dann nur unter vorgehaltener Hand, im stillen Kämmerlein gesprochen.
Bei einer genaueren Betrachtung scheiden physische Aspekte wie Reichweiten-, Größen- oder Kampfgewichtsunterschiede zu Gunsten der Gegenseite schnell aus. Der Gegner war in der Regel nicht der Zwei-Meter-130-Kilo-Hühne mit zwanzig Zentimeter Armlängen-Vorteil. Auch der Einsatz unfairer Mittel und das Überraschungsmoment ziehen als Erklärungen hier nicht wirklich. Der wahre Grund ist ein mentaler Aspekt auf der Seite de Kampfsportlers selbst. Und über eben diesen Aspekt wird unter Kampfsportlern meist noch weniger gern gesprochen, als über das eben beschriebene Horrorszenario: Er hatte schlichtweg Angst!

So scheinbar absurd dies auf den ersten Blick erscheinen mag, desto verständlicher wird es auf den Zweiten: Angst entsteht meistens durch Unsicherheit. In der gewohnten Umgebung sind wir alle routiniert und selbstsicher. Doch leicht spüren wir diese Unsicherheit schon, wenn wir aus der gewohnten Bahn ausbrechen, und etwas anders als sonst machen. Bei einem anderen, ungewohnten Weg zur Arbeit, oder beim ersten Besuch des VHS-Kurses macht sich dies schon leicht bemerkbar. Bereits etwas intensiver merkt man dies beim Bewerbungsgespräch um den neuen Job oder beim Wohnortwechsel.
In der Konfliktsituation ist dieses Gefühl um ein Vielfaches stärker. Schließlich sind hier schlagartig nicht nur Leben und Gesundheit, sondern oft auch Ansehen und Ruf bedeutend bedroht.

Wenn Sie jetzt einwenden, dass Ansehen und Ruf im Vergleich zu Leben und Gesundheit doch wohl eher unbedeutend sind, haben Sie objektiv gesehen wahrscheinlich Recht. Aber stellen Sie sich einmal die Situation vor: Unser fiktiver Beispielcharakter Mark war vielleicht nicht allein, sondern hatte zwei oder drei seiner Freunde und seine neue Freundin dabei. Sie alle wissen, dass er bereits seit Jahren Kampfsport übte, und auch auf Turnieren schon Erfolge feiern konnte. Und hier tritt nun ein Phänomen auf, das ich einmal als 'Bruce-Lee-Effekt’ bezeichnen möchte: Die meisten Menschen erwarten, dass ein Kampfsportler nicht nur siegreich ist, sondern dabei auch noch gut aussieht. Viele Menschen haben noch immer ein falsches Bild vom Training in den Kampfsportvereinen, das stark von den Erzeugnissen der Filmindustrie verklärt ist. Die Frage ob er gewinnt wird von Kampfsport-Unkundigen meist gar nicht gestellt. „Der muss den doch wegputzen, hat er schließlich jahrelang geübt.“

Für den Kampfsportler ist aber eben diese Situation meist nicht altbekannt, oder schon „jahrelang geübt“. Zumeist erlebt er sie genau dann zum aller ersten Mal und ist nicht selten ziemlich überfordert. Der Kampf beginnt nicht, wie sonst üblich, mit einer Verbeugung und 'Hajime’, sondern ganz anders, nämlich eigentlich gar nicht richtig. Es beginnt mit einer provozierenden Frage und wird gefolgt von einer Tirade wüster Beschimpfungen. Meistens kommt der erste Schlag für den Ungeübten ohne jegliche Vorwarnung.
Besonders das aggressive Auftreten und eine Lawine von Beleidigungen, die oft das gesamte Spektrum der Vulgärsprache abzudecken scheinen, sind für den durchschnittlichen Kampfsportler oft höchst irritierend.

Das Gefühl der Angst gehört zu den Emotionen, die der Mensch relativ schlecht kontrollieren kann. Aus diesem Grund wird die Angst (und die damit verbundene Nervosität) von den meisten Menschen als etwas Negatives eingestuft. Meiner Meinung nach sollten wir lieber versuchen, die Vorteile der Angst zu erkennen und sinnvoll zu nutzen, als krampfhaft gegen die Angst anzukämpfen.
Schauen wir uns einmal an, welche biologischen Prozesse in unserem Körper in dem Moment stattfinden:
Bei Auslösung der Angst wird aus den Nebennieren das Hormon Epiniphrin ausgeschüttet, das eine Engstellung der Gefäße (bessere Durchblutung der wichtigen Organe), und eine Erhöhung des Blutzuckers bewirkt. Durch diesen Vorgang werden Energiereserven freigesetzt, die dem Körper eine schnelle Flucht ermöglichen sollen.
Das hört sich ja eigentlich ganz gut an, wäre da nicht die Tatsache, dass zu diesem Zustand meistens noch eine gehörige Portion Nervosität hinzukommt (Panik). Der legendäre Boxtrainer Constantine „Cus“ D’amatio sagte einst: „Der Feigling und der Held haben beide die gleichen Gefühle, der einzige Unterschied zwischen den beiden ist, dass der Held mit diesen Gefühlen umgehen kann und der Feigling nicht.“
Es ist wichtig, dass man diese Reaktion als einen natürlichen Vorgang seines Körpers akzeptiert und nicht versuchst dagegen anzukämpfen. Die meisten Menschen verstehen in einer Notwehrsituation nicht, was in ihrem Körper vorgeht. Da sie eine solche Reaktion noch niemals zuvor erlebt haben, wissen sie nicht wie sie sich verhalten sollen und geraten daher oft in den höchst gefährlichen „Freeze“-Zustand, der den Menschen wie erstarrt erscheinen lässt und ein logisch-rationales Verhalten nahezu unmöglich macht.
Wenn man jedoch in der Lage ist, durch ein gutes Selbstbewusstsein und gezieltes Training in einer solchen Situation einen klaren Kopf zu bewahren, kann man einen guten Vorteil aus der Angst (Selbsterhaltungstrieb) ziehen.

Der einzige Weg aus diesem Dilemma ist es, die Unsicherheit systematisch abzubauen und genau diese Situation im Training zu üben. Wir beschäftigen uns heute viel zu oft mit tollen Selbstverteidigungskombinationen und Schrittfolgen. Wir glauben noch zu häufig an den Sieg der reinen Technik und vergessen die wahrscheinlich wichtigste Waffe des Menschen dabei oft vollständig: Das eigene Gehirn.
Mentale Stärke ist der wichtigste Faktor bei realen Kämpfen. „Nur wer in der Lage ist, sich selbst zu besiegen, kann auch über andere siegen“ wusste der chinesische Heerführer Sunzi bereits vor über 2500 Jahren.

Zweifellos ist es unmöglich, die Realität zu trainieren. Aber eine Annäherung, quasi eine Simulation realistischer Gegebenheiten, ist recht problemlos möglich. Ziel muss es sein, im Training stets neue Situationen zu erzeugen und den Übenden so ständig unter Stress zu setzen. Wenn die Selbstverteidigung in diesen Situationen das Ziel ist, muss eben genau dieser Bereich im Training geübt werden. Der Schüler muss den Umgang mit Pöbeleien und Schubsereien genauso üben, wie die Abwehr gegen Oi-Tsuki und Mawashi-Geri.

Angst ist ein bedeutender Faktor und für den Ausgang der Konfrontation meist weit wichtiger, als technische Perfektion. Wir sollten uns daher nicht hinter sinnlosem Machogehabe verstecken, sondern diesen Umstand endlich erkennen und in den täglichen Trainingsprozess mit einfließen lassen. Denn nur der häufige Umgang kann den 'Freeze’-Effekt verhindern.

 

Literaturempfehlung:

Angeles, Lito, The Real Role of Fear in Combat: Learn About It Now or Pay the Price Later!, in BlackBelt Magazine,
  Vol. 36 # 8, Rainbow Publications, Santa Clarita August 1998
Thompson, Geoff, Animal Day: Pressure Testing the Martial Arts, Summersdale Publishers, Chichester (2)2000
Thompson, Geoff, Fear: The Friend of Exceptional People, Summersdale Publishers, Chichester 1995
  In Deutsch: Die Angst: Techniken zur Angstkontrolle, Wu Shu-Verlag Kernspecht, Burg/Fehmarn 2001


 

 

Druckversion (als PDF-Datei)

© Matthias Golinski, 2003-2004
www.TSURU.de

Erstveröffentlichung: 10. Juli 2003

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