Legenden des Karate:
Motobu Chôki und seine Kunst

– verfasst von Matthias Golinski –


Wenn es in der Geschichte des Karate einen umstrittenen Meister gibt, so ist dies zweifellos Motobu Chôki. Über wohl keinen anderen existieren derartig viele Falschaussagen und ranken sich unzählige Mythen.
Dieser Artikel soll den Menschen Motobu Chôki etwas näher beschreiben und seinen wirklichen Einfluss auf die Kunst des Karate hervorheben.

 

 

Die frühen Jahre
Motobu Chôki wurde vermutlich am 05. April 1870 im Akahira-Dorf in Shuri auf Okinawa geboren [E01]. Er war der dritte Sohn von Motobu Choshin, einem hochrangigen okinawanischen Anjji (Adeligen). Nach damaligem Brauch hatte der älteste Sohn die Familientradition weiterzuführen. Folglich wurde Chôkis ältestem Bruder Motobu Chôyû (1865?-1926) eine umfangreiche Ausbildung zuteil, die auch ein komplettes Studium des Familienstils (Motobu Udunti) mit einschloss. Motobu Chôki hingegen wurde eine derartige Zuneigung nicht gewährt, seine Ausbildung vernachlässigt und das Training des Familienstils sogar untersagt [E02].

Motobu wuchs bei seiner Mutter Ushi auf und galt als ein unkontrollierbares Kind mit einem rauen Charakter. Als junger Mann wollte er der stärkste Mann auf Okinawa werden. Um dieses Ziel zu erreichen trainierte er erst für sich allein indem er schwere Steine stemmte und wahrscheinlich auch damals schon einige Schlagtechniken am Makiwara übte. Auch soll Motobu im geheimen bei seinem Bruder Chôyû das Training beobachtet und so zumindest einen groben Einblick in den Familienstil erhalten haben [E03]. Motobu war sehr flink und geschickt, was ihm den Spitznamen Saru (Affe) einbrachte. Motobu war wohl zwischen 1,60 und 1,65 Meter groß und wohlgenährt (ca. 86 Kg) [E04].

Motobu Chôki am Makiwara
 

In den Abendstunden begab er sich gerne in das Vergnügungsviertel von Naha (Tsuji) um Streit zu provozieren. Die Gegend war für einen hohen Alkoholgenuss und häufige Schlägereien bekannt. Nicht zuletzt auch durch seine körperliche Überlegenheit gewann Motobu in der Regel die Kämpfe. „Als ich jung war, begann ich in Tsuji wirkliche Kämpfe zu haben, ich kämpfte über 100 von ihnen und wurde nie ins Gesicht geschlagen.“ sagte er einmal dazu [E05]. Dies brachte ihm nicht nur eine Menge an Kampferfahrungen und neuen Techniken, sondern auch einen rauflustigen und aggressiven Ruf ein.
So moralisch verwerflich man derartige Trainingsmethoden auch finden mag: Fest steht, dass Motobu durch diese regelmäßigen 'Praxistests’ über die Jahre einen höchst effektiven Kampfstil entwickelte.
Bei einem dieser Kämpfe verlor Motobu jedoch nahezu chancenlos gegen den Karateexperten Itarashiki. Dieses Erlebnis motivierte Motobu, noch härter zu trainieren und vor allem die Kunst des Karate noch besser zu erlernen.

 

Die Lehrer
Also begab er sich zum Üben in das Dôjô von Itosu Ankô (1832-1916), der „heiligen Faust des Shuri-Te“, und verließ dieses kurz darauf schon wieder [E06]. Andere Meister weigerten sich, Motobu wegen seines schlechten Rufs und seines aggressiven und ungehobelten Verhaltens zu unterrichten.

Es wird berichtet, dass manche Meister Schwierigkeiten hatten, Motobu wegen seiner adeligen Abstammung das Training zu verweigern [E07]. So erhielt er schließlich Unterricht durch Tokumine Peichin (1860-1910), einen bekannten Karate- und experten, der aber auch durch seine Trinksucht von sich reden machte. Man sagt, dass Motobu Tokumine durch einige Liter Awamori-Sake (Reiswein) 'überreden’ musste, ihn als Schüler anzunehmen. Motobu erhielt wohl nur kurze Zeit Unterricht von Tokumine, da dieser sich schon bald darauf in eine Prügelei mit mehreren Polizisten begab und daraufhin durch den König auf die Insel Yaeyama ins lebenslange Exil verbannt wurde.

Daraufhin traf Motobu Matsumora Kôsaku (1829-1898), einem der Begründer des Tomari-Te [E08]. Dieser lehrte Motobu wohl von 1914-1916 die Kata Naihanchi und Passai (jap. Tekki und Bassai).
Obwohl Motobu Unterricht von bedeutenden Meistern erhielt, soll er „niemands Schüler“ gewesen sein [E09]. Auch wenn dies in Anbetracht der Fakten vielleicht etwas übertrieben ist, so steht fest, dass er stets nur Bruchstücke und keinen Stil richtig erlernte. Geschweige denn, dass er je einen Uchi Deshi-Status, oder gar ein Menkyo Kaiden (traditionelle Lehrerlaubnis) erhielt.

 

In Japan
Im Folgenden heiratete Motobu seine Verlobte Nabi und gründete ein Pferdetaxi-Unternehmen in Tomari. Da Motobu jedoch weder mit Geld umzugehen noch ein Geschäft zu leiten vermochte, musste er schon bald darauf hoch verschuldet Konkurs anmelden [E10]. Diese Erfahrung bewog ihn wohl schließlich auch, Okinawa zu verlassen.

Also zog Motobu 1921mit seiner Familie auf die japanische Hauptinsel Honshu. Motobu kam über ein Jahr früher als Funakoshi in Japan an. Im Gegensatz zu diesem hatte er aber bei der Abreise auf Okinawa wohl noch nicht die Hauptabsicht dort Karate zu unterrichten. Wahrscheinlicher ist vielmehr, dass er sich wie die meisten Okinawaner seinerzeit in Japan bessere Chancen für sein Leben ausrechnete [E11]. In Osaka fand er schließlich eine Anstellung als Nachtwächter in einer Spinnerei.

 

1927 zog Motobu dann von Osaka nach Tokyo und eröffnete 1934 das Daidôkan-Dôjô im Stadtteil Hongo. Die Bezeichnung für seine Schule setzt sich aus den Schriftzeichen (Kanji) für Groß (Dai), Weg () und Haus (Kan) zusammen. Das Dôjô war täglich von neun Uhr morgens bis spät abends um zehn Uhr geöffnet. Die Aufnahmegebühr betrüg seinerzeit 2 ¥ und der Monatsbeitrag 3 ¥ [E12]. Wie Matsuyama Kenji, ein direkter Schüler Motobus berichtete, betrug die Anzahl der aktiven Mitglieder seinerzeit 60 bis 70. Die Mitgliederstruktur soll hauptsächlich aus jungen männlichen Studenten der nahegelegenen Universität bestanden haben [E13]. Neben den regulären Schülern sollen damals auch häufiger Jûdô- und Kendô-Yudansha (Schwarzgurte) im Daidôkan trainiert haben.Ein weiterer zumindest gelegentlicher Besucher des Daidôkan soll damals auch Yamada Tatsuo, der Begründer des Nippon Kempô und Leibwächter des japanischen Finanzministers Nakajima, gewesen sein.

  Motobu Chôki (ca. 1932)  
 

 

Der Kampf
Motobu hat in seinem Leben nachweislich eine Unmenge an Kämpfen bestritten. Der sagenumwogene Kampf gegen den Boxer ist sicherlich das mysteriöseste und gleichzeitig berühmteste Kapitel in seiner Biographie: Fest steht heute lediglich, dass Motobu wahrscheinlich im November 1924 bei einer Art Show-Veranstaltung unbewaffnet gegen einen nichtjapanischen Boxer antrat und diesen Mittels seiner Karate-Fähigkeiten besiegte [E14].

Bei diesen Veranstaltungen, die vielleicht unserem heutigen Kirmesboxen am nächsten kommen, traten seinerzeit meist japanische Jûdô- oder Jûjutsukämpfer als Herausforderer gegen westliche Boxer an. Außerdem konnte man wohl auch auf den Ausgang des Kampfes, bzw. auf den jeweiligen Kämpfer Wetten abschließen. Es wird berichtet, dass Motobu eine derartige Show in Kyoto als Zuschauer besuchte.
Nachdem der Boxer einige Jûdôka eher leicht besiegte, soll er recht arrogant eine Herausforderung ans Publikum gestellt haben [E15]. Da Motobu die überhebliche Art des Boxers nicht gefiel, und er dem Kämpfen sowieso nie ablehnend gegenüberstand, nahm er die Herausforderung an. Nachdem Motobu den Schlägen des Boxers eine Zeit lang lediglich ausgewichen war, wurde der Boxer immer aggressiver. Daraufhin schlug Motobu den Boxer im Sprung mit Keikoken (auch Ipponken, Motobus Lieblingstechnik) auf den Vitalpunkt Dokko (Dreifacher Erwärmer #17), was ihn sofort bewusstlos machte. Von dem Treffer hat sich der Boxer wohl nie mehr ganz erholt [E16]. Durch den Abschluss von Wetten auf sich selbst soll Motobu 100 ¥ gewonnen haben [E17].
Dieser spektakuläre Sieg über den wesentlich größeren Kämpfer machte Motobu in ganz Japan bekannt und brachte ihm die so lange versagte Annerkennung ein. Ihm soll sogar die Trainingsleitung an Universitäten angeboten worden sein [E18].

Die Geschichte wurde im September 1925 unter dem Titel „Karate Kento Ôjiai“ in dem bekannten japanischen Magazin Kingu ('König’, Ausgabe #9, verlegt durch den großen Kodansha-Verlag mit einer Auflage von über einer Million) veröffentlicht. Nach diesem Bericht soll Motobu den Boxer mit Age Teishô Uchi besiegt haben [E19]. Der gesamte Artikel ist eher populärjournalistisch orientiert und stellt das Bedürfnis, eine spannende Geschichte zu erzählen, über eine detailgetreue Rekonstruktion der Ereignisse. Folglich ist die Aussagekraft der enthaltenen Informationen eher gering. Bemerkenswert ist dennoch, dass bei der Illustration des Artikels eine nicht uninteressante Verwechselung passiert ist: Anstatt Motobu Chôki zeigen die Zeichnungen des Berichts Funakoshi Gichin im Kampf mit dem Boxer. Die Bilder stammen aus Funakoshis Buch 'Rentan Goshin Karate Jutsu’ und zeigen Funakoshi mit Kaishu Haiwan Uke (der ersten Bewegung der Heian/Pinan Yondan). Interessant wäre zu wissen, wie Motobu beim Anblick dieser Bilder reagiert hat.

Ein weiterer bekannter Kampf Motobus ist der gegen den Jûdôka Sudô. Dieser hatte Motobu zu einem Randori (lockeres Miteinanderkämpfen) herausgefordert. Die beiden sollen sich ca. zwei Minuten lang gegenübergestanden und angesehen haben. Danach gab Sudô auf und erklärte später, dass er keine Lücke in der Deckung habe finden können [E20].

Es waren wohl Ereignisse wie diese, welche Motobu schließlich seinen zweiten Spitznamen 'Teijikun’ (Wahrer Kämpfer) einbrachten [E21]. Unstrittig ist, dass Motobu ein Kämpfer von herausragender Qualität war. Ôtsuka Hironori, der Begründer des Wadô-Ryû Karate und einer von Motobus Schülern in Tokyo, bezeichnete ihn als „definitiv sehr starken Kämpfer“ und Konishi Yasuhiro soll in ihm sogar ein kämpferisches Genie gesehen haben [E22]. Horiguchi „Piston“ Tsuneo (1914-1950), einer der besten japanischen Profiboxer seiner Zeit, bezeichnete ihn als einen „unglaublichen Kämpfer“, nachdem er bei einem Übungskampf nicht einen einzigen Treffer landen konnte (!) [E23]. Auch war Motobu auf ganz Okinawa für seine kämpferischen Fähigkeiten bekannt. Viele sollen ihn sogar als den besten Kämpfer Okinawas angesehen haben [E24].

Dennoch gibt es eine herausragende Niederlage in Motobus Leben: Erst in recht hohem Alter hat Motobu seinen Bruder Chôyû herausgefordert. Dieser hatte seit Kindesjahren den Familienstil Motobu-Udunti gelernt und bezwang Chôki mittels einer Wurftechnik eher spielerisch.

Weiterhin soll Motobu auch gegen Yabu Kentsu (1863-1937), einen engen Schüler von Itosu Ankô, verloren haben. Zu diesem Kampf bestehen jedoch keine genauen Angaben. Es ist durchaus möglich, dass Yabu, der auch in Itosus Dôjô als Trainer tätig war, Motobu kurz nach dessen Eintritt in einem Übungskampf besiegte [E25].

 

 

Motobu und Funakoshi
Durch Motobus Umzug nach Tokyo 1927 begegnete er auch öfter Funakoshi Gichin, der damals bereits seit fünf Jahren in Tokyo seine Karateauffassung unterrichtete. Motobu kannte Funakoshi noch aus Okinawa und hatte stets ein äußerst schlechtes Verhältnis zu ihm, dass oft sogar als Feindschaft beschrieben wird. Höchst wahrscheinlich entstanden diese Differenzen nicht nur aus der äußerst unterschiedlichen Karateauffassung, sondern vor allem aufgrund ihrer vollkommen verschiedenen Charaktere. Die beiden Persönlichkeiten hätten unterschiedlicher wohl kaum sein können: Funakoshi, der gebildete Schullehrer, geübt in der japanischen Sprache und vertraut mit den guten Sitten und Motobu, der eher ungebildete Adelige mit bruchstückhaften Japanischkenntnissen und ungehobeltem Verhalten.
Verstärkt wurden diese Spannungen vermutlich auch noch durch die Frage wer von den beiden die Vorherrschaft des Karate in Japan übernehmen würde [E26].
So sagte Motobu einmal: „Als ich nach Tokyo kam, gab es noch einen anderen Okinawaner der recht aktiv Karate unterrichtete. Auf Okinawa hatte ich noch nicht einmal seinen Namen gehört“ [E27]. Es ist unschwer zu erkennen, dass Motobu mit dem „anderen Okinawaner“ Funakoshi gemeint haben muss, schließlich war dieser seinerzeit der herausragende Vertreter des Karate in Tokyo [E28].

 

Motobus Vorstellung vom Karate war äußerst praxisorientiert und kampfbetont, die Technik als Mittel zum Sieg, traditionell okinawanisches Karatejutsu. Funakoshi hingegen dachte an ein weiterentwickeltes, gesundheitsorientiertes Karate mit Konzentration auf die erzieherischen Werte im Sinne des . Motobu konnte dies nicht verstehen und warf Funakoshi vor, keine richtige Kampfkunst, sondern lediglich eine Form des Tanzes zu unterrichten. Viele der alten okinawanischen Meister dachten ähnlich wie Motobu und waren ausgesprochen besorgt über Funakoshis Versuche, das Karate in die Reihe der japanischen Budôkünste zu integrieren.

Die Praxisnähe in Motobus Unterrichtsstil sagte vielen Karateka zu. Da dies einen starken Kontrast zu Funakoshis eher Kataorientiertem Training darstellte, ist es nicht verwunderlich, dass er auch einige Schüler aus dem Shôtôkan unterrichtete.

 

Konishi Yasuhiro (1893-1983) und Ôtsuka Hironori (1892-1982), zwei von Funakoshis besten Schülern, sind hier wohl die bekanntesten Beispiele.

Das original Titelbild von Motobus zweitem Buch (1932)
 

 

Es gibt heute eine Vielzahl von Gerüchten über Kämpfe zwischen Motobu und Funakoshi. Dennoch konnte ich in meinen Recherchen keinen stichhaltigen Nachweis für eine derartige Auseinandersetzung finden. Außerdem war Funakoshi wohl kaum ein Mensch der auf Herausforderungen Motobus eingegangen wäre, geschweige denn selbst eine solche ausgesprochen hätte. Vergleicht man jedoch die tatsächliche Kampfstärke der beiden, so ist auffallend, dass Motobu nicht nur die besseren körperlichen Voraussetzungen, sondern zweifellos auch die weitaus größere Kampferfahrung hatte.

Motobu kehrte desillusioniert nach Okinawa zurück, nachdem Funakoshi (auch durch die größere Unterstützung) seine Karatevorstellung vom Dai Nippon Butokukai anerkannt bekommen hatte [E29].

 

 

 

Der Kampfstil - Motobu-Ryû
Motobus Kampfstil war ausgesprochen kompromisslos und praxisorientiert, eine Synthese aus klassischen Elementen und Straßenkampferfahrungen. Seine Kampfkunstauffassung hat er der Nachwelt in zwei bedeutenden Publikationen hinterlassen. Motobus erstes Buch 'Okinawa Kenpo Toudijutsu Kumite-hen’ (oder auch 'Ryûkyu Kempo Karate-Jutsu. Kumite’, die okinawanische Faustkampfart Karatejutsu. Kampftechniken) erschien 1926. Da Motobu weder japanisch sprechen, noch schreiben konnte, ist davon auszugehen, dass jemand dieses Werk nach seinen Anweisungen verfasst hat. Das Herzstück des Werkes bilden zwölf grundlegende Kampftechniken (Motobu no Junihon Kumite).

Motobus Kampfstil war recht nahkampforientiert, mit dem Hauptaugenmerk auf Handtechniken. Er agierte meist aus einer natürlichen Position heraus. Bei sämtlichen Schlag- oder Blocktechniken zog er Hikite stets zur Verteidigung vor den Körper (und nicht wie üblich zur Hüfte). Auch erkannte er schon früh die kämpferische Bedeutung der vertikalen Mittellinie („Verteidige das Zentrum des Körpers und greife das Zentrum des Körpers an“) und unterrichtete dieses Konzept auch konsequent an seine Schüler [E30].
Ein weiterer Meilenstein seines Stils war die häufige Ausführung von Schlägen mit der Führhand. Durch seine langjährige Kampferfahrung stellte Motobu fest, dass die Führhand dem Gegner wesentlich näher ist und somit das Ziel schneller erreichen kann. Seinerzeit war es eher üblich, die Angriffe mit der Führhand zu blocken und dann mit der Rückhand den Konter auszuführen.

Motobus Lieblingstechnik war Keikoken (oder auch Ipponken, Einknöchelfaust). Wie Nagamine berichtete, konnte ihm kein anderer Meister in der Geschichte des okinawanischen Karates jemals in der zerstörerischen Kraft des Keikoken ebenbürtig sein [E31]. Motobu hatte durch seine regen 'Praxistests’ festgestellt, dass der übliche Seiken Choku Zuki auf kurze Distanz nicht effektiv eingesetzt werden kann, und dass hier Uraken und Keikoken weit besser funktionieren.
Fußtechniken nutzte Motobu lediglich als Unterstützung und führte sie stets zu Zielen auf niedriger Stufe aus wie Tritte und Kniestöße zu den Hoden und Kniegelenken. Es wird berichtet, dass Motobu einmal mit Nami Ashi (Stampftritt) das Bein eines Gegner gebrochen haben soll [E32].

Motobu legte viel Wert auf das Festigen und Perfektionieren der Techniken durch das Training am Makiwara. Dies unterscheidet Motobu freilich nicht von den meisten anderen Karatemeistern seiner Zeit. Bemerkenswert ist jedoch, dass er auch in der Lage war, alle seine Techniken, einschließlich seiner Lieblingstechnik Keikoken, mit voller Kraft am Makiwara auszuführen. „Ich kenne noch immer nicht die beste Art, das Makiwara zu schlagen“, sagte Motobu im Alter von über 60 Jahren (!) [E33].

Außerdem erkannte Motobu schon recht früh den Wert körperlicher Kraft und übte regelmäßig mit traditionellen Geräten wie dem Chisi oder Sashi. Auch ist bekannt, dass er seit seiner Jugend regelmäßig schwere Steine zum Training gehoben haben soll.

1932 erschien sein zweites Werk unter dem Titel 'Watashi no Toudijutsu’ (Mein Karatejutsu) und enthält im wesentlichen Motobus Version der Naihanchi. Obwohl ihm immer spezielle Greif- und Ringtechniken in der Kata nachgesagt werden, so ist auffallend, dass seine Ausführung technisch unwesentlich von den Varianten anderer Meister abweicht [E34].

 

Das Kata-Training hatte in Motobus Trainingsplan wahrscheinlich nur einen nachgeordneten Platz. Aussagen, dass Motobu lediglich den Ablauf der Naihanchi kannte und somit kein Karatemeister, sondern nur ein gewöhnlicher Schläger war, sind aber dennoch schlicht falsch. Er kannte nachweislich Naihanchi (jap. Tekki), Passai (jap. Bassai) und Ueseishi (Gojushihô), sowie die zugehörige Bunkai. Dies geht eindeutig aus den Partnerübungen in seinen Bücher hervor. Auch kann man mit Sicherheit nicht sagen, dass Motobu gegen Kata war, wie ihm oft unterstellt wird. Der Praktiker Motobu sah Kata stets im Zusammenhang mit der kämpferischen Anwendung. Für ihn bildeten Kata und Bunkai eine untrennbare Einheit. „Kata ist die Mutter des Karate und Bunkai ist ihre Seele“, hat er dazu einmal gesagt [E35].

Es ist davon auszugehen, dass Motobu neben Naihanchi und Passai mit den maßgeblichen Kata der drei klassischen Schulen Naha-, Shuri- und Tomari-Te vertraut war. So listet Motobu in seinen Büchern folgende Kata auf: Chinte, Chintô,

  Gojushihô, Kûshankû, Naihanchi (3), Passai (Dai & Sho), Rôhai, Sanchin, Seienchin, Seisan, Sûpârinpei und Wanshu. Es ist doch ausgesprochen unwahrscheinlich, dass Motobu Motobu und Konishi Yasuhiro (links) beim Training im Ryôbukan Dôjô in Tokyo (17. September 1935)
 

diese Kata inseinen Büchern erwähnte, wenn er nicht zumindest eine grundlegende Vorstellung von diesen hatte.

Was die Qualität von Motobus Kata-Fähigkeiten betrifft, so ist der bekannte Karate-Historiker Graham Noble der Ansicht, dass technisch Motobus Kata-Vorführung der Naihanchi mindestens genauso gut, falls nicht sogar besser, als die von Funakoshi Gichin war [E36].

Weiterhin beschreibt Motobu in seinem ersten Buch Techniken zur Wiederbelebung und Behandlung von gebrochenen Knochen. Auch listet er viele derselben Heilkräuter auf, die auch im 'Bubishi’ und im 'Shaolin Bronzestatuen’-Buch erwähnt werden [E37]. Dies lässt auf ein Wissen Motobus über die beiden Werke schließen, was wiederum Nachweis für sein tiefgehendes Karateverständnis ist.


Motobu Chôki wird auch heute noch von manchen als Kampfkunstgenie verehrt und von anderen als ungestümer Raufbold verachtet. Dass er letzteres beileibe nicht war, habe ich hoffentlich in diesem Artikel verdeutlichen können. Ob er wirklich als Genie bezeichnet werden kann, möchte ich an dieser Stelle nicht entscheiden. Fest steht aber wohl definitiv, dass seine kämpferischen Konzepte von einem enormen Weitblick zeugen und auf Okinawa wohl durchaus ihresgleichen suchen.
Motobu Chôki verstarb am 2. September 1944 in Naha. Er soll noch immer auf der Suche nach der Essenz des Karate gewesen sein [E38].

 

 

 

 

Endnoten

  [E01]
 
 
Der Geburtstag Motobus lässt sich nicht exakt bestimmen: Nagamine (1998, S. 42) und Lind (S. 223) geben nur Februar 1871 an, wobei zu bedenken ist, dass Lind bei seinen Recherchen z.T. stark durch Nagamine beeinflusst wurde. McCarthy (2002), Goodin und Ross sprechen hingegen vom 5. April 1870. Bishop und Shabana geben lediglich 1871 als Jahr an. zurück
  [E02]
 
 
Nach Goodin (a) ist diese Annahme nicht zutreffend. Er ist der Ansicht, dass Motobu die gleiche Ausbildung wie sein Bruder erhielt und im Rahmen dieser bereits früh unter namenhaften Lehrern, wie Matsumura Sôkon, Matsmora Kosaku und Itosu Ankô trainierte. Ich konnte jedoch keine weitere Quelle finden, die in eine ähnliche Richtung tendierte.zurück
  [E03]
 
Vgl. Ross (a), S. 2; Höchstwahrscheinlich hat Motobu später auch noch direkten Unterricht durch seinen Bruder erhalten. zurück
  [E04]
 
 
Richard Kim nannte ihn „ein großer Mann nach okinawanischem Standard“ (S. 79). Nach Noble hat Kim Motobu mit einer Größe von 1,80 Metern beschrieben. Peter Urban und Robert Trias geben Motobus Größe mit über zwei Metern an. Schaut man sich jedoch Photographien aus dieser Zeit an, so ist auffallend, dass Motobu meist kaum größer, manchmal sogar kleiner als seine Partner war. Demnach ist wohl Miyahiras Aussage (S. 16) mit 1,67 Metern zutreffend. McCarthy (2002, S. 20) geht von ähnlichen Maßen (165cm, 86 Kg) aus. zurück
  [E05] Motobu in Swift, S. 3. zurück
  [E06]
 
 
 
 
 
Der Grund für Motobus Austritt ist unklar. Noble (vgl. (2000) S. 3) meint, dass Motobu das Dôjô aus Unzufriedenheit mit Itosus Training verließ, während Lind (vgl. S.228) und Bishop (vgl. S. 68) der Ansicht sind, dass Motobu von Itosu wegen schlechten Benehmens und dem Drang, sich stets beweisen zu müssen, hinausgeworfen wurde. Shibanas Äußerungen (S. 5) geben in eine ähnliche Richtung.Ross nimmt den Zeitraum Motobus Training bei Itosu als viel länger an und zitiert „Ich interessierte mich für die Kampfkünste seit ich ein Kind war und studierte bei vielen Lehrern. Ich lernte unter Itosu Sensei sieben oder acht Jahre“. Nach Angaben von Ross soll dieses Zitat Motobus 1934 im 'Karate no Kenkyu’-Journal erschienen sein. Ich hingegen konnte in keiner weiteren Quelle Anhaltspunkte für ein derart langes und intensives Studium bei Itosu finden. zurück
  [E07] Vgl. Toguchi Seikichi in Noble (2000), S. 3. zurück
  [E08]
 
Nach Bishop (vgl. S. 69), Jahana (vgl. S. 1) und Shabana (vgl. S. 5) hat sich Motobu verkleidet und den Namen seiner Mutter angegeben. Nach Bishop tat er dies wegen seines schlechten Rufs; Nach Shabana war eine vorausgegangene Prügelei mit einem Verwandten Matsumoras der Grund. Obwohl Matsumora das Versteckspiel wohl rasch durchschaute, unterrichtete er Motobu. zurück
  [E09] Higa Yûchoku in Bishop (S. 68) zurück
  [E10] Vgl. Bishop, S. 70, Jahana, S. 2. zurück
  [E11] Vgl. Noble (2000), S. 5. zurück
  [E12] Nach Maruyama Kenjis Aussagen betrug die jährliche Studiengebühr seinerzeit 120 ¥. (Vgl. Maruyama, S. 1)zurück
  [E13] Vgl. Maruyama, p. 1. zurück
  [E14]
 
Vgl. Ross (b), S. 2. In keiner weiteren Quelle wurde der Kampf so exakt datiert. Nach Nagamine (1998, S. 44) hat er wohl 1923 stattgefunden. Fest steht auf jeden Fall, dass der Kampf zwischen 1921 (Umzug Motobus nach Japan) und 1925 (Veröffentlichung der Geschichte im Kingu-Magazin) stattfand. zurück
  [E15]
 
 
 
Über die Nationalität und den Namen des Boxers besteht ziemliche Ungewissheit: Nach Kim (S. 80) soll er der Deutsche Meister, nach Ross (b, S. 2) Europameister und nach manchen Quellen (vgl. z.B. Bishop, S. 69) sogar Weltmeister gewesen sein. Häufig wird auch gesagt, dass er Russe war (Vgl. Bishop, S. 69; Shibana, S. 3; Lind S. 228, Goodin (a), S. 13), was meiner Meinung nach allein schon durch die räumliche Nähe zu Japan am wahrscheinlichsten ist. Der Name variiert zwischen Johnson, Johnston, John Ken Taro, John Nicholaiski, John Kentel und George. Ein ausführlicher Kommentar findet sich bei Noble (2002, S. 111ff.) zurück
  [E16] Vgl. Lind, S. 228. zurück
  [E17] Vgl. Noble (2000), S. 2. zurück
  [E18] Vgl. Nagamine (1998), S. 44. zurück
  [E19]
 
 
 
Über die Technik herrscht etwas Unklarheit. Nach Seiyu Oyata (vgl. Noble (2000), S. 2) trat Motobu den Boxer zum Solar Plexus und schlug ihn mit einem Schlag zum Hals KO. Nach Nagamine (1998, S. 44) war die entscheidende Technik ein Schlag zur Schläfe entscheidend und nach Kim (S. 81) hat Motobu den Boxer nach zwei Tritten bewusstlos gewürgt. Dennoch erscheint mir die Keikoken-Variante am plausibelsten, da diese Technik nachweislich Motobus Lieblingstechnik war. zurück
  [E20]
 
Vgl. Bishop, S. 69ff. und Shabana, S. 6ff. Sudô graduierte später unter Kanô Jigorô zum 10. Dan. Nach Shabana soll er zum Zeitpunkt des Kampfes den 7. oder 8. Dan gehabt haben. Nach Jahana (S. 2) hatte er den 8. Dan. Sudô soll Motobu später um Unterricht gebeten haben. zurück
  [E21] Vgl. Noble (2000), S. 3. zurück
  [E22] Ôtsuka Hironori in Noble (2000), S. 2; Vgl. Yamazaki Kiyoshi in Ross (b), S. 1. zurück
  [E23] Vgl. McCarthy (2002), S. 23. zurück
  [E24] Vgl. Noble (2000), S. 3. zurück
  [E25] Vgl. Noble (2000), S. 3; Weiterhin ist es Noble zufolge auch möglich, dass der Kampf nicht im Karate, sondern im traditionell okinawanischen Ringen stattfand (vgl. Noble, S. 13). zurück
  [E26] Vgl. Noble (2000), S. 6. zurück
  [E27] Motobu in Swift, S. 3. zurück
  [E28]
 
Wie viel von dieser Aussage zu halten ist wird klar, wenn man bedenkt, dass Motobu 1913 mit einer Demonstrationsgruppe durch Okinawa zog und Karate präsentierte. Weitere Mitglieder dieser Gruppe waren: Mabuni, Gusukuma, Tokumura, Ishikawa und eben Funakoshi (vgl. Lind, S. 272). zurück
  [E29]
 
Wann Motobu genau nach Okinawa zurück ging ist nicht genau geklärt; Nagamine (1999,S. 20) spricht von Frühjahr 1939, Noble (2002, S. 117) glaubt das es erst 1941 war. Jahana (S. 1) meint, dass er 1940 im Nishishin-Bezirk von Naha ein Dôjô eröffnete. zurück
  [E30] Motobu in Noble (2000), S. 5. zurück
  [E31] Vgl. ,Nagamine (1998), S. 45. zurück
  [E32] Vgl. Noble (2000), S. 4. zurück
  [E33] Motobu in Swift, S. 3. zurück
  [E34] Vgl. Swift, S. 1. zurück
  [E35] Motobu in Anderson/Craig, S. 5. zurück
  [E36] Vgl. Noble (2000), S. 4. zurück
  [E37] Vgl. McCarthy, S. 80. zurück
  [E38] Vgl. Bishop, S. 70. zurück
 

 

 

Bibliographie

  Anderson, Paul, Craig, Darell Max, Shihan-Te: The Bunkai of Karate Kata, YMMA Publication Center, Boston o.J.
  Bishop, Mark, Okinawan Karate: Teachers, Styles and Secret Techniques, Charles E. Tuttle Company, Rutland (2)1999
  Durbin, Dr. William, The Great Jissen Kempo Master, Link
  Goodin, Charles C. (a), Motobu Chôki: Setting the Record Straight, Part 1, in Koryu Journal #24, International Ryukyu Karate
  Research Society, Brisbane 2001, S. 10-15
  Goodin, Charles C. (b), Motobu Chôki: Setting the Record Straight, Part 2, in Koryu Journal #25, International Ryukyu Karate
  Research Society, Brisbane 2001, S. 5-9
  Goodin, Charles C. (c), Motobu Chôki: Setting the Record Straight, Part 3, in Koryu Journal #26, International Ryukyu Karate
  Research Society, Brisbane 2002, S. 7-10
 
Jahana, Seijin, Chôki Motobu, a Forerunner of Combative Karate, Februar 1978
Kim, Richard, The Weaponless Warriors: AnIinformal History of Okinawan Karate, Ohara Publications, Santa Clarita (20)1998,
  S. 79-83
  Kinjo, Hiroshi, The Revival of Motobu Chôki, in Motobu, Chôki, McCarthy, Patrick (Hrgs.), Karate – My Art (Watashi no
  Karate-jutsu), International Ryukyu Karate-jutsu Research Society, Brisbane 2002, S. 10-11
  Lind, Werner, Okinawa-Karate: Geschichte und Tradition der Stile, SVB Sportverlag Berlin, Berlin 1997, S. 222-229
  Maruyama, Kenji, Talking about my Teacher (Motobu Chôki)
  McCarthy, Patrick, More on Motobu, in Motobu, Chôki, McCarthy, Patrick (Hrgs.), Karate – My Art (Watashi no Karate-
  jutsu), International Ryukyu Karate-jutsu Research Society, Brisbane 2002, S. 18-26
  McCarthy, Patrick, The Bible of Karate: Bubishi, Charles E. Tuttle Company, Rutland (4)1997
  Miyahira, Katsuya, Recollections of Motobu, in Koryu Journal #16, International Ryukyu Karate Research Society, Brisbane
  1999, S. 16-18
  Motobu, Chôki, McCarthy, Patrick (Hrgs.), Karate – My Art (Watashi no Karate-jutsu), International Ryukyu Karate-jutsu
  Research Society, Brisbane 2002
  Motobu, Chôki, Okinawan Kempo, Masters Publications, Hamilton 1995
  Nagamine, Shôshin, The Essence of Okinawan Karate-Dô, Charles E. Tuttle Company, Rutland 1998, S. 42-46
  Nagamine, Shôshin, The Final Word, in Koryu Journal #16, International Ryukyu Karate Research Society, Brisbane 1999,
  S. 18-20
  Noble, Graham, Master Chôki Motobu, 'A Real Fighter, 2000
  Noble, Graham, Motobu Chôki in Retrospect, in Motobu, Chôki, McCarthy, Patrick (Hrgs.), Karate – My Art (Watashi no
  Karate-jutsu) International Ryukyu Karate-jutsu Research Society, Brisbane 2002, S. 111-117
  Ross, Tom (a), Chôki Motobu: Trough the Myth… To the Man, Part 1
  Ross, Tom (b), Chôki Motobu: Trough the Myth… To the Man, Part 2
  Shabana, An Interview with Nakama Chozo, in Koryu Journal #16, International Ryukyu Karate Research Society, Brisbane
  1999, S. 4-8
  Swift, Joe; Wisdom from the Past: Tidbits on Kata Applications from Pre-War Karate Books. Part Three: Motobu Chôki
 

 

www.TSURU.de

Sämtliche Abbildungen in diesem Artikel wurden mir mit freundlicher Genehmigung von Patrick McCarthy zur Verfügung gestellt.

Erstveröffentlichung: 10. Juli 2003

Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen dem Archiv des Autors oder sind mit der Genehmigung der jeweils verantwortlichen Dritten verwendet worden. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass Homepages (mit all ihren Einzelheiten) auch dem Schutz des Urheberrechts unterliegen.
Ohne die schriftliche Erlaubnis des Autors darf kein Teil dieser Homepage (weder Abbildungen noch Texte) in irgendeiner Weise reproduziert werden.

zurück