Legenden des Jûdô Kimura Masahiko

 

– verfasst von Matthias Golinski –

   

Nach dem überwältigenden Zuspruch der „Legenden des Karate“-Reihe sollen von nun an auch gelegentlich herausragende Meister des klassischen Jûdô hier Beachtung finden. Und wer sollte sich zur Eröffnung dieser Reihe besser eignen, als KimuraJô-ShôMasahiko?

Kimura Masahiko wurde am 10. September 1917 in Kumamoto, Japan geboren. Nachdem er im vierten Schuljahr von seinem Lehrer Herr Tagawa auf den Boden geworfen wurde, beschloss er ihm dies heimzuzahlen. Als der junge Kimura dann hörte, dass sein Lehrer den ersten Dan im Jûdô besaß, stand für ihn fest, dass er einfach selbst den zweiten Dan bekommen muss. Dann könnte er, so dachte Kimura, seinen Lehrer ebenso zu Boden werfen.

Also begann er wenig später im nahe gelegenen Shodokan Dôjô mit dem Training. Bereits ein Jahr später bestritt er seinen ersten Wettkampf und unterlag einem deutlich schwereren Achtklässer mit Kami-Shihô-Gatame. Doch Kimura hatte das Interesse am Wettkampf gewonnen und trainierte eifrig weiter.

Kimura Masahiko in jungen Jahren

Kimura nach einem Turniersieg

In der achten Klasse erreichte er beim Sumô-Turnier der Präfektur nach einer strittigen Entscheidung im Finale den zweiten Platz. Kimuras Leistung beeindruckte Herrn Ogawa, den Direktor der Chinsei Chû-Gakkô (Chinsei-Mittelschule), dermaßen, dass er ihm direkt einen Platz an seiner Schule samt Training in dessen Jûdô-Club anbot. Kimura nahm das Angebot an und wechselte im April 1932 als 1. Kyû die Schule. Von da an trainierte er an der Chinsei und dreimal wöchentlich im Kawakita Dôjô. Durch Zusatztraining im Butokuden und an der „5. kaiserlichen Oberschule“ kam er auf eine Trainingleistung von fünf Stunden pro Tag [1] . Zusätzlich machte er noch an jedem Trainingstag 300 Liegestütze.

Herr Ogawa war sehr zufrieden mit Kimuras Entwicklung und schlug ihn schließlich für die Prüfung zum 1. Dan vor. Kimura warf fünf Schüler der Kumamoto Chû-Gakkô und bestand die Prüfung. Bereits ein Jahr nach seinem Eintritt in die Schule bestand er die Prüfung zum Nidan. Direkt im nächsten Monat legte er im Dai Nippon Butokukai in Kyôto die Prüfung zum Sandan (3. Dan) ab. Während ihm der technische Teil keinerlei Schwierigkeiten bereitete, hatte er aber doch einige Probleme mit dem schriftlichen Test, welcher für diese Prüfung zum ersten Mal verlangt wurde. Kimura reichte schlicht den Testbogen seines Hintermannes unter seinem eigenen Namen ein und überwand schließlich, mit leichter Hilfe, auch diese Hürde [2] .

Nachdem er im Butokuden vier 3. Dane und sechs 4. Dane geworfen hatte, bekam Kimura 1933, nach nur sechs Jahren Training, den 4. Dan verliehen. Mit seinen 16 Jahren war er damit einer der jüngsten Yondan des Landes.

In seinem dritten Jahr an der Chisei wurde Kimura Kapitän der Schulmannschaft. Ein Jahr später führte er die Schule, erstmalig in ihrer Geschichte, zum Gewinn der japanischen Mittelschul-Meisterschaften in Kyôto [3] .

 

Im Frühjahr 1935 besuchte Kimura die Vorkurse an der Takushoku Universität (Takushoku Daigaku). In dieser Zeit zog er in Ushijima Tatsukumas (9. Dan) „Juku“ und wohnte dort zusammen mit anderen Jûdô-Schülern. Kurz darauf nahm er auch am Kôhaku-Jiai (Rot/Weiß-Mannschaftsturnier) des Kôdôkan teil. Kimura warf acht 4. Dane in Folge. Erst dem neunten Gegner, Miyajima, einem Studenten der Meiji Universität (Meiji Daigaku) gelang es, Kimura mit Harai-Maki-Komi zu werfen und so den Kampf zu gewinnen [4] . Obwohl Kimuras Leistung ausreichend war und er den Godan (5. Dan) erhielt, reagiert Ushijima sehr ungehalten auf das Ergebnis und ermahnte Kimura, dass Shiai stets eine Angelegenheit von Leben oder Tod sei [5] . Mit seinen 18 Jahren war Kimura der jüngste Mensch, der jemals einen Godan des Kôdôkan erhalten hat.

Neben der Niederlage gegen Miyajima verlor Kimura in diesem Jahr noch drei weitere Kämpfe: Beim „5.Dan-Auswahl“-Wettkampf des „Ministeriums für kaiserliche Angelegenheiten“ im Mai konterte Osawa von der Tôkyôter Polizei Kimuras ô-Soto-Gari/ô-Soto-Otoshi-Kombination aus. Seinen zweiten Kampf verlor Kimura gegen den späteren Turniersieger Abbe Kenshiro (1915-1985, später 8. Dan). Dieser dominierte Kimura klar und warf in sowohl mit Uchi-Mata, als auch mit Hane-Goshi und Sasae-Tsurikomi-Ashi [6] . Die letzte Niederlage des Jahres erlitt Kimura im Herbst beim Kôhaku-Jiai gegen seinen dritten Gegner Yamamoto Hideo. Dieser warf Kimura mit De-Ashi-Barai und Kôuchi-Gari. Diese Niederlagen zehrten sehr an dem, bis dahin vom Erfolg verwöhnten, jungen Ausnahmeathleten. Kimura war ausgesprochen demotiviert und dachte zeitweise sogar darüber nach, den gesamten Jûdô-Wettkampf „an den Nagel“ zu hängen. Nach einer kurzen Zeit besann er sich jedoch und entschied sich stattdessen noch härter zu trainieren. Er restrukturierte seine Trainingsmethoden und perfektionierte ô-Soto-Gari, seine Lieblingstechnik. In Folge dieses Sondertrainings gewann er auch seine Revanche-Kämpfe gegen Osawa, Abbe (Seoi-Nage, ô-Soto-Gari, Ôuchi-Gari) und Yamamoto (Ude-Garami) mit Leichtigkeit.

Trotz der vier bedeutenden Niederlagen des Jahres 1935 gewann er im Oktober desselben Jahres aber mit der gesamtjapanischen Hochschulmeisterschaft auch seinen ersten bedeutenden Turniertitel.

Neben dem Jûdô-Training an der Takushoku-Universität übte Kimura auch eifrig im Kôdôkan. Die „Schule zum Studium des Weges“ war seinerzeit das Zentrum des japanischen Jûdô. Kimura warf dort regelmäßig 23 oder 24 vierte und fünfte Dane. Häufig kam es durch seinen beachtlichen ô-Soto-Gari sogar zu Gehirnerschütterungen oder Ohnmachtsanfällen seiner Trainingspartner. Als Folge daraus wurde Kimura nicht selten gebeten, diese Technik im Randori nicht anzuwenden [7] .

 

Kimura beim Hanteltraining

Am 23. und 24. Okotber 1937 nahm Kimura an den gesamtjapanischen Jûdô-Meisterschaften teil. Als erstem Studenten wurde ihm diese besondere Ehre zuteil [8] . Nach spannenden Kämpfen gewann Kimura schließlich das Turnier und wurde mit nur 20 Jahren Japanischer Meister [9] .

Dieser Titelgewinn war für Kimura die Erfüllung eines langjährigen Traums. Gleichzeitig sah er aber auch die Gefahren und Risiken für ihn als neunen Champion. Ihm war klar, dass er mit 169 cm und 86 kg weder besonders groß, noch besonders schwer war. Einen derartigen Triumph würde er also nur durch konzentriertes und beständiges Training noch einmal erreichen können. Aus diesem Gedankengang heraus entwickelte er schließlich die „San-bai no do-ryoku“-Maxime und nahm sich vor, von nun an dreimal so viel wie seine Konkurrenten zu trainieren. Kimura begann sofort und machte noch in der Nacht nach seinem Sieg 500 Liegestütze, 1 km Hasensprünge und 500 Karate-Schläge. Weiterhin erhöhte er sein Trainingspensum auf nunmehr 9 Stunden und 1000 Liegestütze pro Tag.

Diese Mühen sollten sich bei den folgenden 8. Gesamtjapanischen Meisterschaften (16./17.10.1938) und den 9. Japanischen Meisterschaften (21./22.10.1939) auszahlen [10] . Bei beiden Turnieren gewann Kimura souverän und wurde damit dreimal in Folge Japanischer Meister. Deshalb wurde ihm die Siegesfahne überreicht und er ist bislang der einzige, dem diese Ehre zuteil wurde [11] .

Am 18. und 19. Juni 1940 nahm Kimura am Tenran-Jiai, einem großen Wettkampf unter Anwesenheit des Kaiser teil. Auch hier setzte er seine Siegesserie fort und gewann das Finale gegen Ishikawa Tadahiko bereits nach beachtlichen 42 Sekunden durch Ippon (mit Ippon-Seoi-Nage) [12] .

Aufgrund seiner zahlreichen Wettkampferfolge und seiner über lange Jahre nicht abreißen wollenden Siegsserie wurde Kimura von seinen Freunden häufig „Jô-Shô“ (Ein Mann der immer gewinnt) genannt.

Während seines Studiums an der Takushoku-Universität kam Kimura auch in Kontakt mit der dort übenden Karate-Gruppe. Als er das Training beobachtete, fiel ihm auf, dass die Karateka bei Faustschlägen den Daumen seitlich über den Zeigefinger legten. Dies fand er sehr erstaunlich, da im Jûdô klassisch nur mit vier Fingern, ohne Unterstützung des Daumens gegriffen wurde. Er begann daraufhin mit dem Training am Makiwara, dem traditionellen Schlagpfosten der Karateka. Kimura schlug das Makiwara über 3 Monate hinaus täglich 1000 mal [13] . Auf diese Weise kräftige er seine Hände, Unterarme und Ellenbogen.

  Kimura (links) mit ôyama Masutatsu

 

Wenig später begann er unter dem bekannten Funakoshi Gichin (1868-1957) Unterricht im Shôtôkan-Karate zu nehmen. Nach etwas über zwei Jahren Training wechselte Kimura dann in das Gôjû-Ryû-Dôjô von So Nei Shu (kor: Cho Hyung Ju), einem ursprünglich koreanischen Karatelehrer und einem der besten Schüler von Yamaguchi Gôgen (1909-1989). Kimura übte fleißig und wurde zwischenzeitlich sogar Assistenztrainer. Einer von Kimuras Trainingspartnern in beiden Dôjô war übrigens ôyama Masutatsu (1923-1994), der spätere Begründer des Kyokushin-Karate [14] .

Kimura schloss sein Studium an der Takushoku-Universität im März 1941 ab und wurde Assistent in der Kampfkunstabteilung der Uni. Aufgrund seiner beachtlichen Wettkampferfolge erhielt er ein überdurchschnittliches Honorar, welches sogar über den Bezügen eines ordentlichen Professors lag [15] . Wegen seines Einzugs in den Militärdienst musste er den Job im November desselben Jahres allerdings schon wieder aufgeben. So trat Kimura am 11. Januar 1942 der Amaki-Luftverteidigungseinheit bei. Als Kimura dort bei einer unfreiwilligen Vorführung den renommierten Jûkendô (Bajonettfechten)-Ausbilder überlistete erregte er das Interesse seines Vorgesetzten. Dieser hatte selbst den 4. Dan im Jûdô und hatte Kimuras Wettkampfkarriere aufmerksam verfolgt. Als Kimura sich dann freiwillig für einen Kampfeinsatz auf den Salomonen meldete, verbot er ihm per Befehl die Teilnahme [16] . Wie sich herausstellte, sollte tatsächlich nur einer von über 500 Soldaten den Einsatz überleben. „Jûdô hat mir das Leben gerettet“ sagte Kimura später [17] .

Während seiner Militärzeit soll Kimura mit Extraerlaubnis einmal wöchentlich Jûdô an der Asakura Kōtō-Gakkō (Asakura Oberschule) unterrichtet haben. Aus dieser Zeit ist eine Anekdote überliefert, wonach Kimura nach reichlich Sake-Konsum betrunken zum Unterricht erschien und bei der Erklärung einer Shime-Waza von einem Weißgurt-Schüler bewusstlos gewürgt wurde [18] .

Nach seinem Militärdienst heiratete Kimura am 1. Juli 1945 seine Frau Tomiko. Nach Ende des Krieges wurden Jûdô und Kendô im November 1945 von den Besatzungsmächten verboten. Im Sommer 1946 geriet Kimura dann in eine Auseinadersetzung mit vier Militärpolizisten, welche gerade grundlos japanische Zivilisten misshandelten. Kimura schilderte die Situation wie folgt:

„Einer von ihnen schlug plötzlich eine rechte Gerade zu meinem Gesicht. Ich wehrte den Schlag mit meiner linken Hand ab und trat ihm mit voller Kraft in die Hoden. Er brach auf der Stelle zusammen. Als ich meinen Kopf zurück drehte, streckte ein anderer Militärpolizist seine Arme aus und versuchte mich von hinten zu greifen. Ich schlug seinen rechten Arm feste mit der Schwerthand und warf ihn dann mit Seoi-Nage in den Fluss. Die anderen beiden Männer schauten die Szene fasziniert an und griffen mich dann nacheinander an. Ich gab dem dritten Mann einen Kopfstoß ins Gesicht und knockte ihn damit aus. Dem letzten Mann quetschte ich mit voller Kraft seine Hoden zusammen.“ [19]

Kimura war besorgt über die möglichen Konsequenzen, welche ihm aus diesem Kampf entstehen könnten. Doch anstatt ihn zu bestrafen, bedankte sich der zuständige Captain Shepard für die Lektion, welche Kimura seinen rauen Leuten erteilt hat und ersuchte ihn sogar ihm Jûdôunterricht zu erteilen [20] . Von da an unterrichtete Kimura einmal pro Woche jeweils eine Stunde lang die amerikanische Militärpolizeieinheit im Jûdô. Nach einem Jahr legte Captain Shepard sogar erfolgreich die Prüfung zum ersten Dan ab [21] .

Durch das Training beim US Marine Corps kam Kimura auch in Kontakt mit einem jungen erstklassigen schwarzen Boxer. Bei einem Herausforderungskampf nach Boxregeln bemerkte Kimura, dass er trotz seiner Karateerfahrung chancenlos gegen dessen Angriffe war. „Wenn ich diese Kampfart neben dem Jûdô nicht beherrschte, werde ich mich nicht gegen Gefahren verteidigen können“ sagte sich Kimura und bat den Boxer um Unterricht [22] . Von dort an trainierte er für ein Jahr lang zweimal pro Woche das Boxen.

In den Nachkriegsjahren wurde das Kampfsportverbot nach und nach aufgehoben und zunehmend wurden auch wieder Jûdô-Wettkämpfe durchgeführt. Kimura gelang es, trotz der längeren Wettkampfpause, an seine alten Erfolge anzuknüpfen. So kämpfte er am 01. Juli 1947 die West-Japanischen Jûdô-Meisterschaft und am 15. März 1948 die „Kyûshû vs. Kansai“-Meisterschaft jeweils gegen seinen Rivalen Matsumoto Yasuichi [23] .

Am 2. Mai 1948 wurden erneut die Japanischen Meisterschaften im Kôdôkan abgehalten. Da sich Kimura allerdings weigerte, die Siegsfahne zurückzugeben, wurde ihm in diesem Jahr die Teilnahme verweigert [24] . Matsumoto Yasuichi gewann das Turnier gegen Itô Tokuharu durch Hantei (Kampfrichterentscheid).

Seit Kriegsende arbeitete Kimura in zahlreichen Gelegenheitsjobs. Das wenige Geld das er dort verdiente, verwendete er größtenteils, um seine Familie und besonders seine Mutter zu unterstützen. So kam ihm auch die Siegprämie der West-Japanischen Meisterschaft von umgerechnet 10.000 US-$ gelegen, da er diese dringend benötigte. [25] Die diversen Ausgaben für Turnierstarts und Anreise wurden häufig von seinen Freunden übernommen.

Bei den zweiten Japanischen Meisterschaften nach dem Krieg, am 05. Mai 1949, durfte auch Kimura wieder teilnehmen. Dies sollte seine letzte Teilnahme an diesem Turnier werden. Im Vorfeld hatte er sich intensiv mit Osawa Yoshimi, einem der besten Techniker des Kôdôkan vorbereitet. Trotzdem vermisste Kimura seine vorherige Stärke. Kimura zerrte sich im im Kampf gegen Itô Tokuharu die Innenseite des Oberschenkels und kämpfte sich dennoch bis ins Finale vor [26] . Obwohl er dort Ishikawa Takahiho klar dominierte, wurde der Kampf als Hikiwake (Unentschieden) gewertet [27] .

Kurz darauf nahm Kimura ein Angebot als Jûdô-Chefausbilder der Tôkyôter Polizei an [28] . Er trat die Stelle allerdings nicht an, da am 16. April 1950 mit „Pro Jûdô“ die erste professionelle Jûdô-Liga Japans startete. Die Gruppe bestand aus 21 Kämpfern und wurde von dem Bauunternehmer Herrn Takano gesponsert. Durch seinen Sieg über Yamaguchi Toshio (damals 6. Dan, ô-Soto-Gari und Kuzure-Kami-Shihô-Gatame) wurde Kimura der erste „Pro Jûdô“-Champion. Allerdings nahm die Anfangs große Popularität der Veranstaltungen bereits nach wenigen Monaten deutlich ab und den Organisatoren drohte der Konkurs. Da nun auch noch Kimuras Frau Tomiko mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus behandelt werden musste, konnte sich Kimura die Gehaltsausfälle nicht lange leisten.

Zusammen mit seinen Jûdô-Kollegen Sakabe und Yamaguchi Toshio nahm Kimura ein Angebot von Matsuo Enterprise an und demonstrierte für die kommenden drei Monate Jûdô auf Hawaii. Während Sakabe und Yamaguchi Selbstverteidigungstechniken demonstrierten, bestritt Kimura Herausforderungskämpfe [29] . Die Vorführungen erwiesen sich als großer Erfolg und kurz vor Ablauf des Vertrages erhielten die drei ein lukratives Angebot des „Pro-Wrestling“-Promoters Earl Karasic. Yamaguchi und Kimura nahmen die Offerte an und so verdiente Kimura durch seine Kämpfe bei „Pro-Wrestling“ endlich genug Geld, um seiner Frau die dringend notwenige Medizin kaufen zu können [30] .

  Kimura mit Ude-Garami

Dem Kontrakt auf Hawaii schloss sich direkt ein Angebot der „Sao Paulo Shinbu“, einer lokalen japanischen Zeitschriften-Firma aus Brasilien an. Über vier Monate hinweg führten Kimura, Yamaguchi und Kato (damals 5. Dan) mit großem Erfolg in Brasilien Wrestling-Schaukämpfe durch [31] .

Eines Tages im Jahr 1951 richtete Hélio Gracie, 6. Dan Jûdô und langjähriger Vale Tudo-Champion, eine Herausforderung an Kato [32] . Der Kampf sollte allerdings nicht nach den üblichen Jûdô-Regeln, sondern nur durch Aufgabe, also ohne Punktewertung oder Zeitbegrenzung entschieden werden [33] . Kato nahm schließlich die Herausforderung an.

Kato beherrschte Gracie in der Anfangsphase deutlich und warf ihn mehrfach zu Boden [34] . Wegen der ausgesprochen dicken Matten und seiner guten Ukemi-Fähigkeiten trug Hélio Gracie allerdings keine Verletzungen davon [35] . Kato wurde zunehmend müder und setzte einen Würger an. Hélio Gracie würgte Kato ebenfalls und gewann schließlich den Kampf.

Katos Niederlage hatte bedeutende Auswirkungen für die Popularität des „Pro-Wrestling“. Beflügelt durch seinen Sieg und gefeiert von der brasilianischen Zuschauern richtete Hélio Gracie eine erneute Herausforderung an Yamaguchi und Kimura. Kimura sah den Ruf des japanischen Jûdô in Gefahr und nahm die Herausforderung an.

20.000 Menschen und selbst der damalige brasilianische Staatspräsident Getúlio Dornelles Vargas (1883-1954) sahen sich das Spektakel am 23. Oktober 1951 an. Die Gracie-Fans sollen sogar extra einen Sarg für Kimura bereitgestellt haben [36] . Kimura hatte mit seinen 34 Jahren und 86 Kg etwas jünger und schwerer als Hélio Gracie (38 Jahre, 80 kg bei 180cm).

In den ersten Minuten des Kampfes warf Kimura Garcie wiederholt mit Ôuchi-Gari, Harai-Goshi, Uchi-Mata, Ippon-Seoi-Nage und ô-Soto-Gari. Nach einem weiteren erfolgreichen ô-Soto-Gari setzte Kimura erst Kuzure-Kami-Shihô-Gatame und dann Ude-Garami an. Nachdem Hélio trotz verstärktem Druck auf den Hebel nicht aufgab, brach ihm Kimura den Ellenbogen. Doch Gracie machte noch immer kein Zeichen der Ausgabe. Erst als Gracies Ecke das Handtuch warf, wurde der Kampf beendet und Kimura zum Sieger durch technisches KO erklärt [37] .

Kimura (links) gegen Hélio Gracie

Nach seinem Triumph über Hélio Gracie gründete Kimura im November 1951 die „Kokusai Pro Wrestling Association“ und führte zahlreiche Show-Kämpfe in ganz Japan durch. Als der bekannte Pro-Wrestler und ehemalige Sumôringer Rikidôzan eine ähnliche Organisation gründete, begannen auch zahlreiche Diskussionen über einen Kampf der beiden [38] . Kimura und Rikidôzan besprachen die Idee und einigten sich und legten, wie bei derartigen Kämpfen üblich, ein Unentschieden als Ergebnis des ersten Kampfes fest [39] . Der Rückkampf sollte durch das Glücksspiel „Schere/Stein/Papier“ (auch Schnick/Schnack/Schnuck) entschieden werden [40] .

Beim ersten Kampf hielt sich Rikidôzan allerdings nicht an die Absprache und schlug Kimura mit einem Handkantenschlag zum Hals KO [41] .

Von März 1955 bis Januar 1958 führte Kimura Showkämpfe in Mexiko und weiten Teilen Europas durch. Daraufhin reiste Kimura erneut nach Brasilien und kämpfte dort gegen den 17 Jahre jüngeren Valdemar Santana [42] . Kimura und Santana lieferten sich einen unerbitterten Kampf, der nach Ende der Kampfzeit (40 Minuten) als Unentschieden gewertet wurde [43] .

Kimura ca. Anfang der 1970er.

 

Nach seiner Pro-Wrestling Karriere kehrte Kimura 1960 an die Takushoku-Universität zurück und unterrichtete dort wieder Jûdô. In den folgenden Jahren trainierte er einige Weltklasse-Athleten, wie etwa Douglas Rogers (Silber-Medaille im Schwergewicht, Olympia 1964), Nishimura Motoki (Bronze-Medaille im Schwergewicht, Olympia 1974) oder Iwatsuri Kaneo (Japanischer Meister 1970)

Kimura bekam bereits mit 30 Jahren den 7. Dan verliehen. Gerüchten zufolge wurde er wohl insbesondere aufgrund seiner Tätigkeit als Pro-Wrestler von Seiten des Kôdôkan niemals höher graduiert. Davon ab schrieb er mehrere Bücher, wie etwas sein Technikbuch „Jûdô no waza (Skills and Patterns of Jûdô)“ (1972) oder seine Autobiographie „Waga no Jûdô (My Jûdô)“ (1985). Ebenso wird er von zahlreichen Jûdôka bis heute für seine beachtlichen Wettkampf-Erfolge verehrt. In Japan wird er, neben Yokoyama Sakujirô (1864 - 1914), Toku Sanpô und Ushijima Tatsukuma, sogar zu den „Oni“, den vier Dämonen des Jûdô gezählt.

Kimura verstarb am 18. April 1993 an Lungenkrebs.

  

 

Endnoten


[1] Vgl. Kimura (My Judo).

[2] Vgl. Kimura (My judo).

[3] Vgl. Kimura (My Judo).

[4] Vgl. Chen und Kimura (My Judo).

[5] Vgl. Kimura (My Judo).

[6] Chen.

[7] Vgl. Kimura (My Judo).

[8] Chen.

[9] Kimura besiegte Yanagizawa Jinnosuke und Ueno Noboru (damals beide 5. Dan) jeweils mit Ô-Soto-Gari, Nakajima Masayuki (damals 5. Dan) mit Ippon-Seoi-Nage und Kuzure-Kami-Shihô-Gatame.

[10] 8. Gesamtjapanische Meisterschaften: Kimura besiegte Ichido Tadashi (damals 5. Dan) mit Ôuchi-Gari, Tashiro Bun-ei (damals 6. Dan, Aufgabe wegen einer gebrochenen Schulter) und Ogawa Keiichi (4. Dan) mit Kuzure-Kami-Shihô-Gatame.

9. Japanische Meisterschaft (Der Titel wurde von ‚gesamtjapanische' auf ‚japanische' geändert): Kimura besiegte Nakamura Shi-ichi (damals 5. Dan) mit ô-Soto-Gari, Sato Katsutaro (damals 5. Dan) mit ô-Soto-Otoshi, Iida Kiyoyoshi (damals 5. Dan) mit ô-Soto-Makikomi, Tsujimoto Hidenosuke (damals 5. Dan) mit Tsuri-Komi-Goshi und Ochi Tadashi (damals 5. Dan) und Tokizane Katsumi (damals 5. Dan) jeweils mit ô-Soto-Otoshi.

[11] Vgl. Chen.

[12] Kimura besiegte Ogata (damals 5. Dan) durch Tsuri-Komi-Goshi, Takamura Tokuichi durch Ôuchi-Gari und Ô-Soto-Gari, Otate Isao (damals 5. Dan) durch Ô-Soto-Gari/Ô-Soto-Otoshi, Hirose (damals 5. Dan) durch Ô-Soto-Otoshi und schließlich Ishikawa. Vgl. Kimura (My Judo).

Ishikawa Tadahiko (10. Dan Jûdô, 9. Dan vom Kôdôkan seit 1984) studierte an der Kokushi-Kan Universität (Kokushi-Kan Daigaku) und wurde bereits bei seiner ersten Turnierteilnahme aufgrund seiner Leistung direkt vom Weißgurt zum Yondan graduiert. Vgl. (http://judoforum.com/index.php?act=Attach&type=post&id=1480) , S. 10. Später wurde er Chefausbilder des Kôdôkan und der Tôkyôter Polizei. 1955 gründete er zusammen mit Donn F. Draeger (1922-1982) den legendären „Pentagon Jûdô Club“ in Washington und verfasst 1961 mit ihm den Bestseller "Jûdô Training Methods - A Sourcebook". 1992 zog sich Ishikawa nach einem Autounfall vom Jûdôunterricht zurück.

[13] Vgl. Kimura (My Judo).

[14] Vgl. Kimura (My Judo).

[15] Vgl. Kimura (My Judo).

[16] Vgl. ausführlich Kimura (My Judo).

[17] Vgl. Kimura (My Judo).

[18] Vgl. Chen.

[19] Kimura (My Judo).

[20] Vgl. Kimura (My Judo).

[21] Vgl. Kimura (My Judo).

[22] Kimura (My Judo).

[23] Bei den West-Japanischen Meisterschaften besiegte Kimura Yoshimatsu Yoshihiko mit Ô-Soto-Gari und Ippon-Seoi-Nage und Matsumoto Yasuichi mit Hantei (Kampfrichterentscheid). Vgl. Chen/Chen.

Bei der „Kyûshû vs. Kansai“-Meisterschaft besiegte Kimura Daigo Toshiro (*1926) mit Kuzure-Kami-Shihô-Gatame und Hashimoto (damals 6. Dan) mit Ô-Soto-Gari, im Finale warf Kimura Matsumoto mit seiner speziellen Variante des Ippon-Seoi-Nage (bei der beide Arme des Gegners kontrolliert werden), welcher Matsumoto den Arm brach und beide vom Podest warf. Vgl. Kimura (My Judo). Zur Ausführung der Schulterwurf-Variation vergleiche Kimura (1974), S. 34f.

Der Kampf wurde nach 35 Minuten abgebrochen und als Hikiwake (Unentschieden) gewertet. In den offiziellen Dokumenten wurde ein Ude-Garami im Stand von Kimura an Matsumoto vermerkt. Vgl. Chen/Chen.

[24] Vgl. Chen/Chen.

[25] Vgl. Chen/Chen.

[26] Kimura gewann gegen Hatori Teruhisa (damals 6. Dan) mit De-Ashi-Barai und Ude-Garami, gegen Osawa Yoshimi (damals 5. Dan) mit Kuzure-Kami-Shihô-Gatame, gegen Itô Tokuharu mit Hantei.

[27] Vgl. Kimura (My Judo).

[28] Vgl. Chen/Chen.

[29] Vgl. Kimura (My Judo).

[30] Vgl. Kimura (My Judo).

[31] Vgl. Kimura (My Judo).

[32] Maeda Mitsuyo (1878-1941) (auch als ‚Conde Koma', ‚Count Koma' oder ‚Graf Koma' bezeichnet). Maeda trat 1897 in den Kôdôkan ein und studierte zahlreiche Jûjutsu-Stile. Er trug den 5. Dan Jûdô und arbeitete als professioneller Wrestler in den USA, Spanien und Brasilien. Sein Spitzname ‚Graf Koma' stammt dabei nicht, wie oft behauptet, von seiner besonderen Würgetechnik mit der er seine Gegner bewusstlos (‚ins Koma') würgte, sondern von dem japanischen Verb „komaru“ (Schwierigkeiten/Probleme/Sorgen haben). Er gab sich diesen Spitznamen wahrscheinlich 1908 in Spanien, als er einmal wieder in finanziellen Nöten war. Vgl. (http://www.sisujudo.ca/brazilian.htm).

Ab 1919 lehrte Maeda den 17jährigen Brasilianer Carlos Gracie einen Mix aus Kôdokan Jûdô und Wrestling. Dieser eröffnete 1924 eine private Kampfkunstschule in Belém und später in Rio de Janeiro und unterrichtete dort u.a. seinen jüngeren Bruder Hélio (*01. Oktober 1913). Hélio war von 1932 bis in die 1950er Jahre einer der bekanntesten professionellen Ringer Brasiliens. Seine Söhne Royce, Rorian und Rickson machten seinen Stil, das ‚Gracie Jiu-Jitsu' durch die ‚Ultimate Fighting Championchips (UFC)' in den 1990er Jahren zu einem weltbekannten Markenzeichen. Vgl. (http://ejmas.com/kronos/NewHist1900-1939.htm).

Der Begriff „Vale Tudo“ (port.: alles geht) bezeichnete ursprünglich spezielle Kampfsportveranstaltungen in Brasilien. Heute wird er meist ähnlich wie „No Holds Barred (NHB)“, „Mixed Martial Arts“ oder „Shooto“ für nahezu regellose Kampfsportveranstaltungen verwendet.

[33] Vgl. Hélio Gracie in Nishi.

[34] Vgl. Chen/Chen.

[35] Vgl. Kimura (My Judo) und Chen/Chen.

[36] Vgl. Kimura (My Judo) und Chen/Chen.

[37] Jahre nach dem Kampf sprachen bzw. sprechen beide noch in höchsten Tönen von ihrem Gegner. Vgl. Kimura (My Judo) und Hélio Gracie in Nishi. Hélio Gracie gibt sogar zu, dass ihn Kimura zwischenzeitlich mit einem Würger sogar bewusstlos gedrückt und vielleicht sogar getötet hätte, dann aber wegen der fehlenden Reaktion von ihm zu einer anderen Technik übergewechselt ist. Vgl. Hélio Gracie in Nishi.

Aus Respekt für den Armhebel Kimuras (Ude-Garami) wird die Technik im Gracie Jiu-Jitsu heute als „Kimura“ bezeichnet.

[38] Rikidôzan (14.11.1924-15.12.1963) war ein in ganz Japan bekannter Show-Ringer und Straßenschläger. Er gilt als der Vater des Puroresu (japanisches Wrestling) und hatte bei ôyama Masutatsu einige Karatestunden genommen. Häufig verwendete er den Schlag mit der Schwerthand (Shutô-Uchi), sein Markenzeichen.

[39] Vgl. Kimura (My Judo).

[40] Vgl. Kimura (My Judo).

[41] Viele Mitglieder der japanischen Mafia (Yakuza) sollen Kimura daraufhin das Angebot gemacht haben, Rikidôzan auf seinen Wunsch hin umzubringen. Nach Aussage von Chen kam dieses Angebot auch von Kimuras Bekanntem ôyama Masutatsu.

[42] Valdemar Santana (* 1933, 100 Kg, 183cm, auch Adema Santa) übte Capoeira unter Mestre Bimba (1900-1974). Außerdem war er Schwergewichtsmeister im Boxen und trug den 4. Dan im Jûdô. Santana übte 12 oder 13 Jahre lang in der Kampfkunstschule der Gracies, zerstritt sich dann aber mit Helio. Hélio Gracie und Santana trafen sich daraufhin 1955 zu einem Vale-Tudo-Kampf. Nach 3 Stunden und 45 Minuten traf Santana Gracie mit einem Fußtritt am Kopf und gewann den Kampf durch KO.

Hélio Gracie forderte 24. Mai 1957 (mit 44 Jahren) einen Revanchekampf und verlor wiederum durch einen Kniestoß zum Körper.

[43] Zum Kampfverlauf vgl. ausführlich Kimura (My Judo).


   

 

Bibliographie

Chen, Jim: Masahiko Kimura – The Man who defeated Helio Gracie

Chen, Jim / Chen Theodore: Ghost of Judo, A Modern Day Miyamoto Musashi

Kimura, Masahiko: My Jûdô

Kimura, Masahiko (1974): Jûdô für Anfänger und Kämpfer, München 1974.

Nishi, Yoshinori: Hélio Gracie reveals the true story behind his epic battle with Masahiko Kimura.

  

 

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Die Abbildungen wurden dem Autor mit freundlicher Genehmigung von James Smith zur Verfügung gestellt.

© Matthias Golinski, 2007

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Erstveröffentlichung: 15. Januar 2007

  

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