Kannte Funakoshi die alte Bunkai?

– verfasst von Matthias Golinski –

 


In den letzten Jahren ist ein reges Interesse an traditionellen Kata-Anwendungen und anderen klassischen Karateelementen zu erkennen. Was die alten Anwendungsformen im Shôtôkan angeht, so sind diese wohl bei der weltweiten Verbreitung 'auf der Strecke geblieben’. Die Anwendungen in den Büchern der meisten ehemaligen JKA-Instruktioren (Nakayama, Kanazawa, Enoeda etc.) sind nicht nur unvollständig, sondern in vielen Fällen auch höchst unlogisch. Eine effektive Selbstverteidigung ist mit den gezeigten Techniken oft nicht möglich. Da es recht unwahrscheinlich ist, dass diese Bunkai das Ergebnis eines jahrhundertelangen Evolutionsprozesses ist, liegt es nahe, dass die ursprünglichen Anwendungen anders aussahen und einfach nicht mit überliefert wurde.
Viele Karateka sehen den Bruch bereits bei Funakoshis Training auf Okinawa und behaupten, das dieser die Kunst des Bunkai nicht vermittelt bekommen hätte. Dies begründen sie mit der Tatsache, das Funakoshi diese in Japan nicht unterrichtet hat.

Diese Behauptung sollte uns nun dazu anregen, die Bunkai-Fähigkeiten des „Begründers des modernen Karate“ einmal näher zu hinterfragen:

Wir wissen, dass Funakoshi auf Okinawa hauptsächlich bei zwei herausragenden Meistern gelernt hat: Azato Ankô (1827-1906) und Itosu Ankô (1830-1916). Beide Meister lernten bei einer Legende des okinawanischen Karate: Matsumura Sôkon. Dieser Mann mit dem verheißungsvollen Titel „Bushi“ (Krieger) lernte das Shaolin Quanfa und das Baihequan (Stil des Weißen Kranichs) in China. Als Leibwächter des okinawanischen Königs war er wohl durchaus auch mit der praktischen Anwendung seiner Techniken vertraut. Matsumura lehrte einen stark kampfbetonten, auf das Shaolin-Quanfa zurückgehenden Kampfstil, der auch von seinen Fähigkeiten im Jingen-ryû (einem aggressiven und geradlinigen Schwertkampfstil) geprägt war.
Während Itosu einige elementare Veränderungen am Matsumura-Stil vornahm, behielt Azato die grundlegenden Prinzipien bei. Man geht heute davon aus, dass Azatos Stil dem alten Matsumura-Stil am nächsten war [E01].

Azato war zweifellos der Hauptlehrer Funakoshis. Funakoshi lernte nach eigenen Angaben zehn Jahre lang täglich nur die Naihanchi-Kata (jap. Tekki) von Azato.
Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Azato ihm über die lange Zeit des Unterrichts stets nur die Abläufe und nie deren Anwendung gezeigt hat. Besonders einleuchtend wird dies wenn man bedenkt, dass Azato in seinem Leben lediglich zwei Schüler hatte: Ogosoku Chogo und schließlich Funakoshi Gichin.

Weiterhin hatte Funakoshi auch ein Exemplar des Bubishi, einem alten chinesischen Dokument über die Kampfkünste, das auch Erläuterungen zur Vitalpunktlehre und zur Selbstverteidigung macht. Miyagi Chojun (1888-1953), der Begründer des Gôjû-ryû, soll es einst sogar als „die Bibel des Karate“ bezeichnet haben [E02]. Unschwer lassen sich die darin dargestellten '48 Selbstverteidigungs-Diagramme’ auf die traditionellen Kata übertragen. Das Bubishi wurde wohl auch von Matsumura Sôkon aus China mitgebracht und entweder über Itsou oder über Azato an Funakoshi übermittelt [E03].
Funakoshi verwendete schließlich Passagen daraus in seinem Werk 'Karate-Dô Kyôhan’. Das Kapitel über die empfindlichen Körperstellen (S. 237-244) und die 'Acht wichtigen Sätze des Karate’ (S. 248) basieren eindeutig auf den Angaben im Bubishi, und das vermeintliche chinesische 'Gedicht’ (S. 249) ist sogar wörtlich abgeschrieben [E04].
Ein weiterer nicht unerheblicher Hinweis darauf, dass Funakoshi mit der Bunkai vertraut war.

Obwohl Funakoshi im Vergleich zu manch anderem Karatemeister dieser Zeit recht wenig über Anwendungen in seinen Veröffentlichungen schreibt, schimmert jedoch immer zwischen den Zeilen eine gewisse Kompetenz durch.
So schreibt Funakoshi im Karate-Dô Kyôhan: „Obwohl Karate auch Wurftechniken hat, vertraut es in erster Linie auf Schlag-, Tritt- und Hebeltechniken.“ [E05] Weiterhin schreibt er: „Wenn eine Form einmal erlernt wurde, muss sie wiederholt geübt werden, bis sie in einem Notfall angewendet werden kann, lediglich die Reihenfolge einer Form zu kennen ist im Karate nutzlos.“ [E06]
In seiner Autobiographie „Karate-Dô – Mein Weg“ finden sich ähnliche Anmerkungen: „Um es deutlich zu sagen, der beste Weg zum Verständnis des Karate-Dô führt nicht nur über das bloße Üben der Kata, sondern über ein Verständnis der Bedeutung, die den verschiedenen Kata innewohnt.“ [E07]

Sowohl im Rentan Goshin Toudijutsu (1925) als auch im Karate-Dô Kyôhan (1935) beschreibt er einige grundlegende Wurftechniken. Im Rentan Goshin Toudijutsu (S. 60-65) zeigt Funakoshi sechs Würfe und gibt teilweise sogar den Bezug zur jeweiligen Kata an. Im Karate-Dô Kyôhan (S. 227-232) zeigt er acht [E08] und bemerkt dazu: „Alle diese Techniken sollten im Bezug zu den Basiskata geübt werden“. [E09]
Auch lässt sich bei den Kumiteübungen im Sitzen (S. 224-226) in einer der Sequenzen eine Anwendung aus der Jion erkennen.


Da nun wohl eindeutig erwiesen ist, dass Funakoshi zumindest ein grundlegendes Wissen um die traditionelle Bunkai hatte, stellt sich zwangsläufig die Frage, warum er diese in Japan nicht unterrichtet hat.
Um diese Frage beantworten zu können, ist ein kleiner Ausflug in die Geschichte nötig:

Okinawa war eine wirtschaftlich und kulturell gut entwickeltes unabhängiges Königreich, bis es 1609 durch den japanischen Satsuma-Clan erobert wurde. Sie besetzten die ganze Insel und machten den Einwohner strikte Auflagen wie zum Beispiel das Verbot jeglichen Waffenbesitzes. Daraufhin bildete sich unter dem Inselvolk ein starker Widerstand, durch den auch die Kampfkünste einen starken Aufschwung erlebten. Viele Okinawaner verwendeten auch landwirtschaftliche Geräte zur Verteidigung gegen die Besatzer (Kobujutsu, später Kobudô).
Die Okinawaner hatten nie ein gutes Verhältnis zu den Japanern. Zweifellos hing dies auch mit dem schlechten Bild der Japaner über das Inselvolk zusammen. Sie sahen die Okinawaner als kulturell unterentwickeltes Fischervolk mit geringem Intellekt.
Viele der okinawanischen Karatemeister verfolgten Funakoshis Vorhaben in Japan Karate zu unterrichten mit großer Sorge, da sie Angst hatten, dass Funakoshi ihre kostbare Kampfkunst an der 'Erzfeind’ verrät.

Hinzukommt, dass die Anwendung der Formen stets das Herzstück eines jeden Stils darstellte und vom Meister meist nur an die sog. 'Inneren Schüler’ (Uchi Deshi) unterrichtet wurde.
Da Funakoshi aber besonders anfangs oft auch in Universitäten unterrichtete und die Gruppen dort wohl einer hohen Fluktuation unterlagen, ist davon auszugehen, dass er Schwierigkeiten hatte, überhaupt ein näheres Verhältnis zu seinen Schülern aufzubauen. Funakoshi sagte selbst: „[...] die Zahl meiner ehemaligen Schüler geht in die Zehntausende“ [E10]. Dies bildet zweifellos einen starken Kontrast zu dem Privattraining, das er von seinem Lehrer Azato aus Okinawa gewohnt war [E11].
Wir wissen auch, dass Funakoshi mit der Konsumhaltung der Japaner nicht so zufrieden war. Er vermisste die Hingabe und den Trainingseifer welche(n) er aus Okinawa gewohnt war.
Außerdem kam er auch schlecht mit dem kompetativen Ergeiz der jungen Japaner zurecht, da er Karate nie als sportliche Zweikampfform gelernt hatte. Funakoshi war Zeit seines Lebens ein Gegner der Versportlichung des Karates. So sagte er einmal: „Wenn ihr mit Schutzausrüstung übt, wird Karate zum Wettkampf und ein Weg () ist nicht mehr möglich.“ [E12]

Möglich ist auch, dass Funakoshi den Japanern zeigen wollte, dass Okinawa weit mehr zu bieten hat, als eine simple Methode der Selbstverteidigung, und aus diesem Grund den Trainingsschwerpunkt absichtlich auf Itosus Konzept legte. Itosu hatte auf Okinawa das Karate in die öffentlichen Schulen eingeführt und in diesem Zusammenhang einige Veränderungen vorgenommen. Funakoshi faszinierte der Gedanke eines gesundheitsorientierten Karates mit erzieherischen Werten im Sinne des .


An welcher Stelle und aus welchem Grund die alten Anwendungsformen nicht mit überliefert wurden, wird wohl nie ganz zu klären sein. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Aussage von Vince Morris, nach der Funakoshi die Anwendungen sehr wohl unterrichtete. Das Training war den Schülern jedoch wohl zu strikt und anstrengend, woraufhin sie sich der, für sie, interessanteren sportlichen Form zugewandt haben sollen. [E13]


Egal, wie man es auch dreht, fest steht, dass Funakoshi Gichin zumindest Teilweise mit den traditionellen Anwendungsformen und Kampfkonzepten vertraut war. Zweifellos war Funakoshi aber auf diesem Gebiet weder das große Genie, noch der überragende Innovator. Ihm jedoch hier diese Fähigkeiten komplett abzusprechen ist schon aufgrund der gezeigten Fakten falsch.

 

Endnoten:

[E01] Vgl. Lind, S. 76 zurück
[E02] Miyagi in McCarthy, S. 23 zurück
[E03] Vgl. McCarthy, S. 39 zurück
[E04] Vgl. McCarthy, S. 58 zurück
[E05] Funakoshi (1973), S. 13; Vgl. Swift, S. 3 zurück
[E06] Funakoshi (1973), S. 39 zurück
[E07] Funakoshi (1993), S. 149 zurück
[E08]
 
Diese Acht Wurftechniken hatte Funakoshi bereits in seinem ersten Buch Ryûkyu Kempô Karate (1922) veröffentlicht. zurück
[E09] Funakoshi (1973), S. 227 zurück
[E10] Funakoshi (1993), S. 143 zurück
[E11]
 
Diese Einstellung änderte sich schlagartig durch den Ausbruch des Krieges. „Was Funakoshi 25 Jahre lang gepredigt hatte und was von der verweichlichten Konsumgesellschaft Japans stets belächelt wurde, haben wenige Tage des Krieges zur Realität werden lassen.“ (Lind, S. 296) zurück
[E12] Funakoshi in Lind, S. 283 zurück
[E13] Vgl. Morris, Vince, Shotokan Kata Bunkai: Seminar Sampler #4, Nottingham o.J. zurück

 

Bibliographie:

Bishop, Mark, Okinawan Karate: Teachers, Styles and Secret Techniques, Charles E. Tuttle Company, Rutland (2)1999
Funakoshi, Gichin, Karate-Dô Kyôhan: The Master Text, Kodansha International, Tokio 1973
Funakoshi, Gichin, Karate-Dô: Mein Weg, Werner Kristkeitz Verlag, Heidelberg-Leimen 1993
Lind, Werner, Okinawa-Karate: Geschichte und Tradition der Stile, SVB Sportverlag Berlin, Berlin 1997
McCarthy, Patrick, The Bible of Karate: Bubishi, Charles E. Tuttle Company, Rutland (4)1997
Swift, Joe, Wisdom from the Past: Tidbits on Kata Applications from Pre-War Karate Books. Part Two

 

 

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© Matthias Golinski, 2004
www.TSURU.de

Erstveröffentlichung: 15. März 2004

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