Judo: Kunisaburo Iizuka

 

– verfasst von Joseph R. Svinth

(Übersetzt von Matthias Golinski)

 

Kunisaburo Iizuka war wohl der führende japanische Universitäts-Judo-Trainer der 1930er. Geboren am 13. Februar 1875, begann er 1889 an der Keio Gijuku (der späteren Keio Universität) Jujutsu zu lernen. Sein Lehrer war ein Nachtwächter namens Sekiguchi und unter seinen Trainingspartnern war Shosaku Kominami, ein 2. Dan des Kodokan.

 

1890 verließ Iizuka die Keio-Schule, um die Marine-Akademie in Tokyo zu besuchen. Obwohl es an der Akademie keinen Judo-Club gab, sah er eines Tages einen Mann, der eine Judo-Uniform trug. Er folgte ihm bis zum Kodokan. Dort beantragte er Einlass, wurde angenommen und unterzeichnete am 23. November 1891 seine Anmeldung. In seinem ersten Kampf mit einem viel schwereren und weit erfahreneren Schwarzgurt war er diesem weit unterlegen. „Da ich ein eher selbstgefälliger junger Mann war, schäumte ich vor Wut“, erinnerte sich Iizuka später (1957a:4). „Um nicht von ihm geschlagen zu werden sondern ihn selbst zu schlagen widmete ich mich sehr ernsthaft meiner Vorbereitung.

 

Während dieser Zeit begann das Training am Kodokan um fünf Uhr morgens und endete um sieben Uhr. Die Männer gingen nach dem Training zur Arbeit. Sakujiro Yokoyama war Chefausbilder. In Tokyo gab es damals noch keine Bus- oder U-Bahn-Linien. Um sich auf dem Weg zum und vom Training warm zu halten, wickelten die Schüler zum Joggen häufig ihre Judo-Jacken um ihren Kopf. Natürlich stoppten misstrauische Polizeibeamte die jungen Leute, um herauszufinden, was sie dort taten. Die Standard-Antwort war, dass das Training mitten im Winter in der Kälte die mentale und körperliche Belastbarkeit erhöhe und das Risiko von Krankheiten, wie etwa Tuberkulose, reduziere (Japan Times, 8. Jan. 1913,1).

 

Durch eine Kombination aus Glück, Fähigkeit und schierer harter Arbeit wurde Iizuka 1905 der 6. Dan verliehen. Obwohl er gerne nach Übersee gereist wäre, nahm er 1906 eine Stelle als Judo-Lehrer an der Keio-Universität an. „Seine Körpergröße war sogar für einen Japaner unterdurchschnittlich“ sagte E.J. Harrison aus Groß-Britannien (1982,60). „Er sah aus wie ein Mini-Herkules und obwohl damals bereits fünfunddreißig oder achtunddreißig Jahre alt, war er immer noch eine große Herausforderung für die stärksten und erfahrensten seiner zehn bis fünfzehn Jahre jüngeren Schüler“.

 

Viele von Iizukas Schülern waren Amerikaner. Zu Harrisons Zeiten beispielsweise gehörte David T. Weed zu Iizukas amerikanischen Schülern. Weed bestand 1914 am Kodokan seine Prüdung zum 2. Dan. Dreißig Jahre später war Kaname „Ken“ Kuniyuki, der danach führend im Judo in Süd-Kalifornieren wurde, einer von Iizukas Japanisch-Amerikanischen Schülern. Iizuka unterrichtete außerdem Chuji Sakata, den japanischen Auswanderer der von 1935 bis 1938 den Tentoku-Kan Judo-Club in Seattle leitete.

 

Natürlich war die Mehrzahl seiner Schüler japanisch. Der vielleicht international bekannteste japanische Schüler Iizukas war Yoshio Sugino. Sugino, der spätere Führer des Tenshin Shoden Katori Shinto Ryu begann sein Training mit Iizuka an der Keio-Universität im akademischen Jahr 1918-1919. Damals war Sugino vierzehn Jahre alt. „Ich war in jedem Club den es dort gab“, sagte Sugino zu Tsukasa Matsukazi „Judo, Kendo, Kyudo, Sumo und ein paar andere. Ich begann so ziemlich alles, was mir angeboten wurde“. Nach einer Weile stellte er fest, dass ihm Judo am besten gefiel, und so begann er dies zweimal am Tag zu trainieren. Einmal schrieb Matsuzaki (1997): „Sugino wurde von einem der Älteren befohlen, einen Judo-Wettkampf zu leiten, da ansonsten niemand im Dojo war um dies zu tun. Als Iizuka dies hörte, brüllte er „Auf keinen Fall! Du hast noch nicht einmal einen Hakama, den du heute tragen könntest. Wir können mit Sicherheit niemand ohne Hakama als Schitzrichter bei einem Judo-Wettkampf zulassen. ‚Der ehrenhafte Iizuka war ein sehr edler und netter Mann sagte Sugino, ‚doch im Dojo war er ein Tiger von einem Lehrer. Selbst heute noch empfinde ich ihm gegenüber höchsten Respekt und Dankbarkeit.'“

1919 bestritt Sugino als Braungurt seinen ersten Wettkampf. Weil er sechs Schwarzgurte warf, erhielt er seine Beförderung zum Schwarzgurt in weniger als einem Jahr.

 

1922 besuchte Okutsu, ein anderer Schüler Iizukas, Honolulu. Der Taxifahrer, der Okutsu zum ‚Diamond Head'[-Hotel, Anm. d. Übers] fuhr, war Kakuji Fukai, ein Jujutsuka der Kito-Ryu-Schule. Während der Fahrt kam das Gespräch auf Judo und Okutsu empfahl Fukai, sich doch dem Kodokan anzuschließen. Fukai antwortete, dass er dies gerne tun würde, aber niemanden dort kannte. Okutsu gab Fukai daraufhin Iizukas Adresse in Tokyo. „Ich glaube, wir korrespondierten ungefähr ein Jahr“ erinnerte sich Fukai später (Makiyama, 1967, 43): „Dies gipfelte schließlich in den Graduierungen die überreicht wurden… Dies ist, soweit ich weiß, dass erste Zetrifikat des Kodokan, welches einem Judoka in Hawaii überreicht wurde. Wie Sie sehen können, wurde es mir am 14. Januar 1923 vom Kodokan gewährt. Ich wurde damals zum 2. Dan ernannt. Zur selben Zeit wurden erste Dane an Koichiro Miyamoto, Kayata Sakai, Shimba Fujii und Megumi Yamashita verliehen.

 

Im Herbst 1934 traf Iizuka den britischen Judoka Sarah Mayer. In einem Brief an Gunji Koizumi schrieb Mayer (27. Nov. 1934): „Prof. [Hajime] Isogai kam aus Kyoto und kam zum Mittagessen mit mir ins Imperial Hotel. Ich hatte zwei 6. Dane, die sehr gastfreundlich zu mir waren, zum Essen eingeladen, doch Professor Isogai und Professor Iisoka [Kunisaburo Iizuka] gesellten sich zu uns. Wir hatten ein sehr fröhliches Beisammensein, in dessen Verlauf Professor Isogai mehrere Cocktails und reichlich Sake trank. Für einen Mann, der niemals zuvor einen Cocktail probiert hatte, steckte er es gut weg. Es ist richtig, dass er mir einen 5. Dan anbot, wenn ich nach Kyoto gehen würde, doch ansonsten war er ganz er selbst. Vor kurzem hatte er sich sein Bein gebrochen und kam stark auf einen Stock gestützt im Hotel an. Aber als er es verließ, winkte er mit dem Stock in der Luft. Wenn ich daran zurückdenke, welche Angst ich noch vor ihm in Kyoto hatte, dann kann ich gar nicht aufhören zu lachen. Und Professor Iisoka konnte ich nicht mehr sehr ernst nehmen, nachdem ich ihm den Charleston beigebracht hatte.“

 

Während dem Sommer 1938 ging Iizuka mit der Judo-Mannschaft der Keio-Universität auf eine Reise nach Nord-Amerika. Das Keio-Team verließ Yokohama am 23. Juni 1938. Sie segelten an Bord der Tatsuta Maru und erreichten San Fransisco am 7. Juli 1938. Nachdem sie einige kalifornische Judo-Mannschaften geschlagen hatten, zog die Keio-Gruppe nach Norden.

 

Sie erreichten Seattle am 6. August 1938. Während einem Wettkampf im Nippon-Kan Theater am Sonntag, dem 7. August, war Tokuzu Wada, 3. Dan, von der Keio-Gruppe der Star. Er warf fünf 2. Dane aus dem Nordwesten (Akira [„Gift“] Kato, Tom Okazaki, Mitsuo Hiranaka, Takuzo Tsuchiya und Mitsuo Shinoda) bevor er schließlich Masato Tamura unterlag. Die Einzelkämpfe verliefen nahezu ebenso schlecht für die Nordwestler. Art Koura und Joe Nakatsu waren unter den wenigen nordwestlichen Gewinnern.

 

Am 8. August 1938 gab das Keio-Team eine Demonstration an der Universität von Washington. Die Japaner waren größtenteils über 1,72 m und 90 kg. „Nachdem sie eine derart rücksichtslose Vorführung von Ringen gaben, wie man hoffen konnte sie zu sehen, sagten die Jungs höflich ‚Oh ja, wir haben einige der schweren Jungs zuhause gelassen, weil sie wichtige Prüfungen schreiben mussten'“ erinnert sich Bill Hosokawa.

Danach nahmen die Keio-Judoka an einem Empfang im Hause des japanischen Konsuls Yuki Sato teil und besuchten Mt. Rainier, die Bainbridge Island und Vancouver in British Columbia. Dann reisten sie zurück nach San Pedro in Kalifornien und stoppten auf dem Weg, um eine Demonstration in Portland, Oregon, zu geben.

 

Iizuka bekam seinen 9. Dan am 23. Dezember 1937 verliehen. Seinen 10. Dan erhielt er am 4. May 1946. Er verstarb am 25. Juli 1958 in Tokyo. Zu diesem Zeitpunkt war er Mitglied des Kodokan-Rats und der Dojo-Beratungsgruppe.

 

 

 

Quellenangabe

Harrison, E.J. 1982. The Fighting Spirit of Japan. New York: Overlook Press.

Iizuka, Kunisaburo. 1957a. “I Remember,” Judo Kodokan Review, 7:2, March 15:1-4.

-----. “I Remember,” 1957b. Judo Kodokan Review, 7:3: May 15: 5-9.

Makiyama, Thomas H. 1967. “Judo and Jiu Jitsu versus Sumo,” Black Belt, July: 43-44.

Matsuzaki, Tsukasa. 1997. "The Last Swordsman: The Yoshio Sugino Story," Aikido Journal,

         Winter. [http://www.aikidojournal.com/articles/general/Sugino_01.htm].

Mayer, Sarah. 2000. "An Englishwoman's Description of Learning Judo in Japan: Letters

         from Sarah Mayer to Gunji Koizumi, 1934-1935, Part IV," Journal of Combative Sport.

        

  

Joseph R. Svinth diente von 1975-1980 bei den US Marines. Diese Aufgabe führte ihn als Sicherheitsbediensteten der Marine nach Teheran (Iran) und Pretoria (Süd-Afrika). 1980 begann er mit dem Training im Goju-Ryu und Kyokushin-Kai Karate. Seine folgende universitäre Ausbildung schloss er 1985 mit einem Master-Abschluss in Geschichtswissenschaften an der Universität Washington ab. Seitdem veröffentlichte er zahlreiche Artikel und drei Bücher. Darunter das populäre “KRONOS- Chronological History of the Martial Arts and Combative Sports” (http://ejmas.com/kronos/index.html). 2000 war er Mitautor der TV-Dokumentation „Martial Arts: The Real Story“. Von 1996-2000 war er Mitherausgeber des „Journal of Asian Martial Arts“. Seit 1999 ist er Herausgeber des „Journal of Combative Sport“ und des „Journal of Non-Lethal Combatives“. Seit 2000 ist er außerdem Herausgeber des „InYo: The Journal of Alternative Perspectives on the Martial Arts and Sciences“. Nähere Informationen unter http://www.ejmas.com.


Der Text wurde dem Übersetzer freundlicherweise von Joseph R. Svinth zur Veröffentlichung auf Tsuru.de zur Verfügung gestellt.

 

Druckversion (als PDF-Datei)

 

© Matthias Golinski, 2006

Erstveröffentlichung unter www.TSURU.de: 15.09.2006
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