Eine Hommage an Kase Taiji Sensei

– verfasst von Jörg Kuschel –


Kase wurde 1929 geboren und begann im Februar 1944 im Alter von 15 Jahren mit dem Karatetraining in Funakoshis erstem Shotokan Dojo unter der Anleitung von Gigo (Yoshitaka) Funakoshi. Kase unterrichtete in den Anfangszeiten die Instruktoren der JKA in den Kata und Techniken, welche ihnen unbekannt waren. Während seiner Studienzeit an der Sanshu Universität trainierte er unter Genshin Hironishi. Im Jahre 1960 kam er nach Europa und gründete schließlich in Paris sein eigenes Dojo. In den Siebzigern gründete er zusammen mit Shirai die World Karate Shotokan Academy (WKSA) um einen Gegenpol zum Karate der JKA zu setzen.

Zitat: “...ich will ein wirklich starkes, effektives Karate, weil es nach meinem Tod weitergegeben werden soll. Daher will ich die richtigen Leute zu meiner Unterstützung im Unterricht. Ich will auch zurück zu den wahren Grundlagen des Shotokan-Karate, wie es von Yoshitaka Funakoshi unterrichtet wurde. ...“
Die Methode des Karate, wie es von Kase gelehrt wird (Kata, Prinzipien, Verständnis der Bewegung usw.) geht viel weiter zurück als es in den meisten Dojo praktiziert wird.

Kase Sensei legt in seinem Training sehr viel Wert auf Grundtechniken, Gohon- und Sanbon-Kumite, Sochin- bzw. Fudo-dachi, sowie der Entwicklung von Sen-no-sen.

Um der Ursprünglichkeit seiner Art des Karate mehr Nachdruck zu verleihen, nannte er sein Dojo auch Fudokan. Ich hatte sowohl im Herbst ´96 als auch ´97 die Gelegenheit an einem Lehrgang unter Kase Taiji Sensei teilzunehmen. Hier zeichnete er sich neben seiner unauslotbaren Fertigkeit auch in seiner Menschlichkeit sehr stark aus. Etwas, was viele andere so genannte Meister, welche meilenweit von Kases Wissen und Können entfernt sind, vermissen lassen. Sehr stark beeindruckten mich (als Nicht-Shotokaner, oder gerade deshalb?!) auch seine revolutionären Gedanken und Auslegungen bzgl. des Karate. Er betonte, wie wichtig es insbesondere im Alter sei, sich vom Wettkampf zu entfernen, um sich dem eigentlichen Ziel des Karate, der Selbstverteidigung, zuzuwenden. Hierzu propagierte er die Kreativität um die Fähigkeit zu entwickeln aus jeder Ausgangssituation heraus kontern zu können. Er betonte hierbei auch die immense Bedeutung der Kontrolle, des Kuzushi und der Nage-waza.

Kase Sensei zeigt Tekki Shodan

Unter dem Hinweis auf das Nachlassen der Muskelkraft im Alter unterstrich Kase Sensei die Wichtigkeit des Ki und der daraus resultierenden Ko-waza. Kase ließ auch während des Lehrgangs Kata mit der offenen Hand (Kaishu) üben, um auch hier die Kreativität zu schulen. Oft wies er zwischen den Techniken auf die Notwendigkeit von Kawashi (Tai-sabaki) und Omote- bzw. Oyo-Bunkai hin, um effektive Selbstverteidigungstechniken ausführen zu können. Bemerkenswert ist auch, wie viel Wert er auf die individuelle Ausführung des Sochin- bzw. Fudo-dachi legte, mit dem Hinweis darauf, dass dieser bei ökonomischer Ausführung deutlich Gelenkschonender ist als der Zenkutsu-dachi. Auch seine kurzen Ausführungen über den Zusammenhang zwischen Karate und Shinto-Buddhismus ließen mich zu dem Schluss gelangen, dass auch dieser sympathische Zeitzeuge des Karate ein „Weiser der Faustkunst“ ist.

Aufgrund dieser Faszination für Kase Sensei wuchs mein Interesse an seiner Interpretation des Karate, so dass ich begann, die von ihm geäußerten Aphorismen für mich zu ordnen und aufzuschreiben. Nachfolgend habe ich sie aufgeführt, um auch andere daran teilhaben zu lassen:
„Nicht die einzelne Technik, die neue Technik oder eine neue Kata sind wichtig, sondern das
dahinter stehende Prinzip.

 

Der Körper muss begreifen, dahinter stehen.
Er ist die Technik, der Körper ist das individuelle Karate.
Der Körper, der Geist und das Karate müssen eins sein.
Die Kraft ist aus der Erde zu holen.
Der Körper muss im Bruchteil einer Sekunde entscheiden welche Technik er für sich wählt. D.h.: Er muss blitzschnell entscheiden, welche Technik für seine Beschaffenheit und die entsprechende Situation gut (geeignet) ist und welche aufgrund seiner Fähigkeiten und der vorherrschenden Gegebenheiten schlecht (ungeeignet, nutzlos) ist.
Karate sollte ab eines gewissen Leistungsstandards von Innen kommen.
Nichts sollte aufoktroyiert sein, steif oder künstlich wirken.
Wenn Du in einen Kampf eintreten musst , verkürze möglichst schnell die Distanz. Gehe in den Gegner hinein, kontrolliere und immobilisiere ihn. Lasse nicht von ihm ab, bis der Kampf beendet ist, und zwar durch Dich.
Du bestimmst den eigentlichen Anfang und das definitive Ende.
Nutze die vorteilhaften Möglichkeiten der offenen Hand.
Bringe ihn aus dem physischen und psychischen Gleichgewicht.
Attackiere die Nervenpunkte des Armes und greife dann die Punkte des Halses und des unteren Kopfes an.

Auch wenn Du ausweichst, gehe in den Gegner hinein; weiche auch aus, indem Du um den Gegner herum gehst.
Nur 1000 Fauststöße zu üben bringt Dich nicht weiter. Sei kreativ, denke nach und entschlüssele die Kata.
Trainiere aus jeder Position und Distanz zuschlagen zu können.
Vergiss niemals, dass das Alter jeden einholt. Vertraue deshalb nicht nur auf Muskelkraft, sondern entwickle Ki und nutze den Atem.
Nutze die natürliche, ungehinderte Schnelligkeit (Un seconde et trois actions!)

Es ist wichtig, Akzente bei der internen Arbeit zu setzen. Dies ist jedoch erst sinnvoll, wenn man ein bestimmtes Niveau erreicht hat. Die interne Arbeit geht einher mit der Atmung und der Suche nach der Energie. Wenn man Karate alleine, ins Leere, trainiert, ohne Anwendung zu zweit oder die Kata ohne die Anwendung mit dem Partner, wird man niemals eine gewisse Tiefgründigkeit erreichen.


Die Kata ist das Herz des Ursprungs, die Seele des Karate, die Essenz unserer Kampfkunst. Kata zu trainieren heißt regelmäßiges Training, dies gilt auch für ihr Anwendung. Ebenso wie die Arbeit und das Bestreben nach der Vervollkommnung der Sinne, welche einhergeht mit der Arbeit an der Atmung: kurze Atmung, lange Atmung, mittlere Atmung. Die Arbeit an der Atmung steht weit vor der Arbeit mit dem Partner und nimmt viel Zeit in Anspruch.

Man sollte auch viel mit der offenen Hand praktizieren, Yaku-uraken, Drehungen, Kuzushi-waza etc. Dies alles sind sehr interessante Dinge, welche aber nur diejenigen trainieren sollten, die ein bestimmtes, sicheres Niveau erreicht haben.

Kase Sensei mit Shuto-Uke

Fudoshin ist die Beziehung zwischen Energie, Körper und Geist. Den „unbeweglichen Geist“ (Fudoshin), man muss ihn trainieren, regelmäßig, jeden Tag, immer.

Man „schärft seine Waffen“, man übt um Fortschritte zu machen, man stellt Überlegungen an, jedoch den größten Kampf den man in den Kampfkünsten kämpft ist der Kampf gegen sich selbst.
Es ist wichtig sich nicht zu sehr an Äußerlichkeiten festzuhalten wie z.B.: „Ich war nicht schlecht heute...“ - „Meine Beintechniken waren gut...“ Es ist wichtig nicht zu viel zu sprechen, zu hören oder zu denken. Es ist wichtig sich in der externen Arbeit nicht zu sehr zu verausgaben. Nur extern zu arbeiten ist die Fassade es ist notwendig eines Tages intern zu arbeiten. Das ist das eigentlich Wichtige; nicht das äußerlich Hübsche, Niedliche, Gutaussehende. Das eigentlich Tiefgründige ist das Innere.

Karate findet nicht nur im Dojo statt und nicht nur in der Jugend. Wichtig ist auch, was man im Alter und im Alltag daraus macht und wie man die gewonnene Energie, Kraft und Erkenntnis nutzt und kanalisiert.
Es reicht nicht nur, den Körper, die Muskulatur in guter Verfassung zu halten; auch der Kopf und der Geist müssen bzgl. des Karate arbeiten, recherchieren und verstehen. Es ist der Kopf der bestimmt. Die Kommandos sind im Kopf und verbunden mit der Atmung.

Das körperliche Training muss einhergehen mit dem Geistigen. Körper und Geist müssen miteinander verschmelzen, dies geschieht nicht zuletzt auch durch das Wiederholen von Grundtechniken und Kata ohne Unterbrechung; z.B.: 100 Mae-geri und anschließend 30 Mal eine Kata.
Wenn man ein bestimmtes Niveau erreicht hat, ist es sehr wichtig Fudo- bzw. Sochin-dachi zu praktizieren. Dies ist ein Schlüssel zum Gewölbe des Karate und nicht der Zenkutsu-dachi. Die Position Fudo-dachi erlaubt die Arbeit mit der nötigen Zuversicht und mit der gesamten Bedeutung um die Lendenwirbelsäule zu schützen, etwas, was durch den Zenkutsu-dachi nicht gewährleistet wird.
Bei allen Techniken führt die Einnahme des Fudo-dachi dazu, aufgrund der Spannung der Beine, unterstützt durch die statische Konstruktion, dass die Knie geschützt werden.“

Abschließen möchte ich diese Hommage an Maitre Kase mit einen kurzen Abriss über sein Verständnis des Karate.
Kase Senseis Verständnis des Karate wird von ihm unterteilt in die folgenden drei Abschnitte:

 

Erster Abschnitt: Die Lehrzeit.
Diese Etappe dauert zwischen zehn und fünfzehn Jahren. Alle Grundtechniken werden erlernt, verinnerlicht und wiederholt. Meister Kase ist sehr genau in den ihm überlieferten Techniken. Daher lehnt er auch Modifikationen, wie sie durch Nakayama entstanden sind, ab! Der Block Age-uke ist z.B. in der Ausführung völlig unterschiedlich. Die „Bewaffnung“ befindet sich an der Entgegengesetzten Hüfte.
Sehr viel Wert wird auf Hiki-te gelegt, auf die richtige Haltung des Handgelenkes, die geschlossene Faust und die Kontraktion des Rückens.

 

Zweiter Abschnitt: Die Arbeit mit Fudo-dachi.
Der Fudo-dachi ist die ursprüngliche Position. Meister Kase demonstriert immer wieder, wie viel eindrucksvolle Wachsamkeit in dieser Position steckt.
Die Verlagerung, wie sie im Fudo-dachi zu finden ist, verhilft zu einer perfekten Stütze auf gutem Boden. Seine Meisterung für und in jedem Moment ist absolut erforderlich, da die Kraft aus der Erde kommt!
Die Arbeit in dieser Position mit Hiki-te gestaltet sich abwechslungsreich, egal auf welchem Level man sich befindet, man schärft mit ihr jede Technik, den ganzen Körper und vielleicht sogar einen bestimmten Angriff. Die Verkettung von Blockade und Konterattacke bewirkt das Gleiche. Die Arbeit mit Oi-zuki vollzieht sich gleichwertig mit Ura- und Tate-zuki. All dies wird bereichert durch die Techniken der offenen Hand (Kaishu) und damit wird die Arbeit am eigentlichen, ursprünglichen Karate wieder aufgenommen.

 

Dritter Abschnitt: Sen-no-Sen
Dies bedeutet die Verschmelzung des Mentalen von sich und dem Gegner, um ihn zu bezwingen. Der Gedanke dominiert den Gegner, das ist Realität und kein dummes Geschwätz. Meister Kase unterlässt es auch nicht außerdem die philosophischen Erläuterungen über Kraft und Stärke der Erde zu studieren, welche den Menschen mit dem Himmel verbindet. (Ten, Jin, Chi). Dies ist jedoch ein Bereich, von dem er leider nur sehr wenig preisgibt. Der Schritt zur Erlangung der Harmonie von Körper und Geist zwischen den Elementen der Natur ist ein sehr persönlicher Bereich!

 


„Meister Kase ist ein Mensch seiner Zeit.
Wie sollte man diesen Experten nicht bewundern, ein Mann
der es geschafft hat, eine Synthese der Gegensätze zu erschaffen:
Gewalt und Ruhe, Zerstörung und Redlichkeit, die Vergangenheit
und die Zukunft, den Krieg und die Einheit der Familie.
Abschließend kann man sagen, dass Meister Kase durch
seine Synthese von vorbildlichem Karatetraining
und der antiken Disziplin der Samurai eine Wahrheit präsentiert:
Karate ist eine Kunst!“



Anmerkung: Kase Taiji Sensei verstarb am 24. November 2004 in Paris. Der Artikel wurde weit vorher geschrieben und der Authentizität halber in seiner ursprünglichen Form belassen.

 

 


Der Autor und Kase Taiji 1996 bei einem Lehrgang in Düsseldorf.

Jörg Kuschel (*1962, 5. Dan Kenju-Ryu Toudi Jutsu) begann 1981 mit dem Studium des Kenju-Ryu Toudi Jutsu, einem traditionellen okinawanischen Karatestil ohne Wettkampfeinfluss. Parallel dazu übte er verschiedene chinesische Stile, wie etwa das Wu Nan Shouyen Ch'uan ("5-südliche-Tierübungen") oder das T'ang Lang Ch'uan (Gottesanbeterinnen). 1987 wurde er bei der Deutschen Wushu Meisterschaft Vizemeister in der Kategorie „unbewaffneten Formen“ und 1989 Landes- und Deutscher-Meister in der Kategorie „bewaffnete Formen“. Im Dezember 1998 bestand er unter Akashi Fumio Shihan und Kinjo Matsu Shihan die Prüfung zum 4. Dan. 2004 folgte der 5. Dan. Jörg Kuschel ist heute Repräsentant des „Okinawa Kenju-Ryu Toudi Jutsu Renmei“ und einziger Lehrer für Okinawa Kenju-Ryu in
Europa. Außerdem gibt er regelmäßig Lehrgänge über traditionelles Karate und effektive Anwendung der Kata. Nähere Infos unter www.kenju-ryu.de.

 

 

Druckversion (als PDF-Datei)

 

© Jörg Kuschel, 1998-2005

Der Text wurde mir mit freundlicher Genehmigung des Autors zur Veröffentlichung auf dieser Seite zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank an Jörg Kuschel.

www.Tsuru.de

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