Aus Jujutsu wird Judo

 

– verfasst von Dr. Kano Jigoro –

(übersetzt von Matthias Golinski)

 

 

Die meisten Menschen sind zweifellos mit den Begriffen Jujutsu und Judo vertraut; doch wie viele können zwischen den beiden unterscheiden? Im folgenden werde ich die beiden Begriffe erklären und veranschaulichen, warum Judo den Platz des Jujutsu eingenommen hat.

Während der feudalen Zeiten wurden viele Kampfkünste in Japan geübt: Der Umgang mit der Lanze, Bogenschießen, Schwertkampf und viele weitere. Jujutsu war eine dieser Künste. Auch als Taijutsu oder Yawara bezeichnet, war es ein Angriffs-System, welches Würfe, Schläge, Tritte, Messer-Stiche und –Schnitte, Würger, das Verbiegen und Verdrehen der Glieder, Kontrollieren des Gegners am Boden sowie die Verteidigung gegen diese Angriffe beinhaltete. Obwohl die Techniken des Jujutsu seit den frühesten Zeiten bekannt waren, wurde es erst seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts systematisch geübt und unterrichtet. Während der Edo-Periode (1603-1868) entwickelte es sich zu einer komplexen Kunst, welche von den Meistern einer Reihe verschiedener Schulen unterrichtet wurde. In meiner Jugend lernte ich Jujutsu bei vielen hervorragenden Meistern. Ihr gewaltiges Wissen, die Frucht jahrelanger sorgfältiger Forschung und wertvoller Erfahrungen, war für mich sehr wichtig.

Zu dieser Zeit unterrichtete jeder Meister seine Kunst als eine Techniksammlung. Niemand bemerkte die führenden Prinzipien hinter dem Jujutsu. Wenn ich mit verschiedenen Unterrichtsmethoden der Techniken konfrontiert wurde, wusste ich oft nicht, welche nun die Richtige war. Dies führte mich zu der Suche nach einem grundlegenden Prinzip des Jujutsu, welches ebenso galt, wenn man den Gegner schlägt, wie wenn man ihn wirft. Nach einer sorgfältigen Untersuchung des Bereichs erkannte ich ein alles durchdringendes Prinzip: Die geistige und körperliche Kraft am effektivsten nutzen[1]. Mit diesem Prinzip im Geiste überprüfte ich noch einmal alle Angriffs- und Verteidigungsmethoden, die ich bisher erlernt hatte und behielt nur jene, die in Übereinstimmung mit dem Prinzip standen. Ich entfernte alle Techniken, die nicht mit ihm übereinstimmten und ersetzte sie durch Techniken, bei denen das Prinzip korrekt angewandt wurde.

Dieser Technikstamm, welchen ich Judo nannte, um ihn von seinem Vorgänger unterscheiden zu können, wird heute im Kodokan unterrichtet.

 

Die Begriffe Jujutsu und Judo werden jeweils mit zwei Chinesischen Schriftzeichen geschrieben[2]. Das „Ju“ ist in beiden dasselbe und bedeutet „Sanftheit“ oder „gebender Weg“. Die Bedeutung von „Jutsu“ ist „Kunst, Übung“ und „Do“ bedeutet „Prinzip“ oder „Weg“; der Weg als die Idee des Lebens selbst. Jujutsu kann übersetzt werden als „die sanfte Kunst“, Judo als „der Weg der Sanftheit“, mit der Folge erst etwas zu geben, um schlussendlich den Sieg zu erreichen. Der Kodokan ist, wörtlich, „die Schule zum Studium des Weges“. Wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden, ist Judo mehr als eine Kunst des Angriffs und der Abwehr. Es ist ein Lebensweg.

 

Um zu verstehen, was mit „Sanftheit“ oder „gebendem Weg“ gemeint ist, nehmen wir einmal an, dass ein Mann vor mir steht. Seine Kraft beträgt zehn und meine sieben. Wenn er mich so hart schubst wie er kann, werde ich, sogar wenn ich mit meiner ganzen Kraft dagegen drücke, mit Sicherheit zurückgeworfen oder falle hin. Hier begegnet man Kraft mit Kraft. Aber wenn ich anstatt ihm zu widerstehen seinem Stoß nachgebe, meinen Körper zurückziehe und meine Balance behalte, wird mein Gegner seine Balance verlieren. Durch seine ungünstige Position geschwächt, wir er unfähig sein, seine ganze Kraft einzusetzen. Sie wird auf drei schrumpfen. Weil ich meine Balance behalte, verbleibt meine Kraft bei sieben. Jetzt bin ich stärker als mein Gegner und kann ihn bereits durch Verwendung meiner halben Kraft besiegen. Die andere Hälfte kann ich für andere Zwecke bereithalten. Sogar wenn Sie stärker als Ihr Gegner sind, ist es besser zuerst nachzugeben. Dadurch können Sie Energie sparen, während Sie ihren Gegner erschöpfen/ schwächen. Dies ist nur ein Beispiel wie man einen Gegner besiegt, indem man ihm ausweicht.

Weil so viele Techniken dieses Prinzip verwendeten, wurde diese Kunst Jujutsu genannt. Lassen Sie uns auf ein paar weitere Beispiele für die Leistungen, die durch das Jujutsu erreicht werden können, schauen.

 

Stellen Sie sich vor, dass ein Mann vor mir steht. Wie ein Dominostein kann er mit nur einem Finger aus dem Gleichgewicht gebracht werden; vorwärts wie rückwärts. Wenn ich, in dem Moment in dem er sich nach vorne lehnt, meinen Arm auf seinen Rücken lege und schnell meine Hüfte vor seine schiebe, wird meine Hüfte zum Drehpunkt. Alles was ich dann noch tun muss, um den Mann auf den Boden zu werfen, ist, meine Hüfte leicht zu drehen oder an seinem Arm oder Ärmel zu ziehen[3]. Dies funktioniert sogar, wenn er wesentlich schwerer ist.

 

Nehmen wir an, ich versuche das Gleichgewicht eines Mannes nach vorne hin zu brechen, doch er macht einen Schritt vorwärts. Ich kann ihn noch immer leicht werfen, indem ich einfach, unmittelbar bevor er sein volles Gewicht auf den Fuß verlagert, meinen Fußballen unter die Achillessehne seines vorkommenden Beines presse[4]. Dies ist ein gutes Beispiel für den effizienten Gebrauch der Energie. Mit nur geringem Aufwand kann ich einen Gegner von beachtlicher Stärke besiegen.

 

Was ist, wenn ein Mann auf mich zustürzt und mich schubst? Wenn ich, anstatt zurückgeworfen zu werden, seine Arme oder seinen Kragen mit beiden Händen fasse, einen meiner Fußballen gegen seinen Unterleib drücke, mein Bein strecke und mich nach hinten setze, kann ich ihn über meinen Kopf werfen[5].

 

Oder nehmen Sie an, dass mein Gegner sich etwas nach vorne lehnt und mich mit einer Hand schubst. Dies bringt ihn bereits aus der Balance. Wenn ich ihn dazu noch am oberen Ärmel seines ausgestreckten Arms fasse, meinen Rücken nah an seine Brust drehe, meine freie Hand an seine Schulter klammere und mich plötzlich vorbeuge, wird er über meinen Kopf fliegen und flach auf seinem Rücken landen[6].

 

Wie diese Beispiele verdeutlichen, ist das Prinzip des Hebels zum Werfen des Gegners manchmal wichtiger als der „gebende Weg“. Jujutsu beinhaltet auch andere Formen des direkten Angriffs, wie etwa Schlagen, Treten und Würgen. Insofern übermittelt die „Kunst des gebenden Weges“ nicht die wahre Bedeutung. Wenn wir Jujutsu als die Kunst oder Übung des effektivsten Einsatzes der geistigen und körperlichen Kraft anerkennen, dann können wir Judo als den Weg oder das Prinzip dies zu tun verstehen und eine genaue Definition finden.

1882 habe ich den Kodokan gegründet, um andere in Judo zu unterrichten. In wenigen Jahren ist die Anzahl der Schüler rasant angestiegen. Sie kamen aus ganz Japan. Viele haben sogar ihren Jujutsu-Meister verlassen, um mit mir zu trainieren. Letztendlich hat Judo das Jujutsu in Japan ersetzt und niemand in Japan spricht mehr vom Jujutsu als eine zeitgenössische Kunst. Doch der Begriff hat in Übersee überlebt.

 

 

 

Dr. Kanô Jigorô (28.10.1860-04.05.1938) war als Kind eher schwächlich und wurde wegen seiner Statur häufig von anderen Kindern geärgert. Seinem frühen Wunsch Jû Jutsu widersprachen seine Eltern. 1877 begann er sein Studium der Literatur und Philosophie an der Universität zu Tôkyô (Tôkyô Daigaku) und erfüllte sich auch seinen lang gehegten Wunsch. Im Folgenden übte er nahezu täglich Tenjin-shinyô-ryû und Kitô-ryû Jû Jutsu. 1882 gründete er in Tôkyô die „Schule zum Studium des Weges“ (Kôdôkan). 1912 wurde der japanische Amateursportverband (Dai Nippon Taiiku Kyôkai) durch Kanô gegründet. Er setzte sich auch Zeit seines Lebens für die Aufnahme des Jûdô als olympische Disziplin ein und wurde als erster Asiate Mitglied des ‚Internationalen Olympischen Komitees (IOC)' (von 1909-1938). Kanô verstarb im Alter von 79 Jahren an einer Lungenentzündung.

 

Anmerkungen des Übersetzers


[1] 精力善用 (Seiryoku Zenyô) - höchst wirksamer Gebrauch der Energie.

[2] 柔術 Jû Jutsu; 柔道 Jûdô.

[3] Gemeint ist wohl ô-Goshi

[4] Gemeint ist Deashi-Harai

[5] Gemeint ist Tomoe-Nage

[6] Gemeint ist Ippon-Seoi-Nage

 

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Der Text wurde dem Übersetzer mit freundlicher Genehmigung von James Smith zur Veröffentlichung auf dieser Seite zur Verfügung gestellt.

 

© Matthias Golinski, 2007
www.TSURU.de

 

Erstveröffentlichung auf dieser Homepage: 15. Juli 2007

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