Die traditionellen Kampfkünste...

...eine Schule des Lebens!

– verfasst von Roland Habersetzer –
(übersetzt von Erhard Weidenauer)

 

Es sind nun mittlerweile 41 Jahre vergangen, seitdem ich das erstemal die Tatami eines Dojo betreten habe. Und seit 37 Jahren trage ich einen schwarzen Gürtel und unterrichte die Kunst des Karatedo. Intuitiv wusste ich schon immer, dass sich etwas sehr Kostbares im Verstehen und Ausüben einer fernöstlichen Kampfkunst befindet. Die Zeit verging. Heute weiß ich, dass ich mich nicht geirrt habe, und all meine Anstrengungen drehen sich mittlerweile um die Übermittlung dessen, was ich lernen konnte, und die Verteidigung derjenigen Werte, welche ich in den japanischen und chinesischen Kampfkünsten vergangener Jahrhunderte entdeckte. Ich glaube, dass es von großer Bedeutung ist, dass das kostbare Übermitteln von Traditionen auch im 21.Jahrhundert, in dem der Mensch eher mehr als weniger die Zeichen und Überzeugungen seiner Vergangenheit benötigt, lebendig bleibt. Diesem Menschen, den eine immer materialistischere Zivilisation zur Suche nach seinen eigenen Wurzeln drängt, wird es nach einer Identität dürsten, die zwischen dem, was er von der Vergangenheit kennt, und dem, was er sich von der Zukunft verspricht, zu definieren und zu leben ist.
Es gibt drei Auffassungsweisen einer Kampfkunst (= eine Ansammlung von Techniken, die ursprünglich für den Kampf Mann gegen Mann mit oder ohne Waffen bestimmt waren): in Form eines Vergnügens, in Form eines sportlichen Wettkampfes, in Form des Erlernens eines physischen und mentalen Verhaltens bis zu einer wahren Existenzphilosophie führend (daher der Begriff des kriegerischen "Weges", "Bu-Do" auf Japanisch). Die ersten beiden, welche die im großen Stil in der Welt entwickelten Richtungen sind, spiegeln wahrlich zahlreiche Interessen wider, aber sie haben dieses eine gemein, sie dauern nur eine Zeit an, und sind in der Tat nur vor einem halben Jahrhundert geschaffene "Ersatzprodukte". Im Gegensatz zur Ausübung in Form eines sportlichen Spiels oder ganz einfach aus der Sicht der Entspannung oder aus dem nützlichen Blickwinkel (die Idee der Selbstverteidigung) führt die Praxis einer Kampf-"Kunst" jedoch sehr viel weiter. Es handelt sich um eine leidenschaftliche Suche nach Perfektion, die nur mit dem Leben endet, eine aktive Erforschung des Selbst mit, nebenbei, der Entdeckung von universellen Werten, die den Übenden, Dank der neuen Sicht von sich selbst und den anderen, wieder eine persönliche Entwicklungsperspektive geben. Durch die nötige körperliche Anstrengung während all der Zeit, wie durch den gewissenhaften Respekt ihrer Regeln ist die Kampfkunst sehr fordernd. Sie lehrt den Schatz, der das Leben ist, und auch dass der kleinste Fehler zu seinem Verlust führen kann. Deshalb unterrichtet sie die Mäßigung, die Zurückhaltung, die Bescheidenheit, die Vernunft und nicht in der Gewalt die erste Antwort auf eine andere Gewalt zu suchen. Deshalb erschafft sie nach vielen Jahren verantwortungsbewusste Männer und Frauen für unsere Gesellschaft, die immer das Authentische benötigt, um sich zu entwickeln.
Ich hatte dieses Glück, seit meinen Anfängen, als mein Körper die intensiven körperlichen Anstrengungen, die Grenzen und manchmal auch den Schmerz entdeckte, daran zu glauben. Das ist es, was mich oft gegen und wider alles in der Wahl und Erforschung beharren ließ, die ich für richtig glaubte und heute für richtig weiß. Mit der Zeit und der Geduld, mit dem Willen und der Treue zum Geist der traditionellen Unterrichtung der Kampfkünste, im Laufe des Ausübens und der Unterweisung von Karatedo, japanischem Kobudo, aber auch von Kung-Fu und von chinesischem Tai Chi Chuan, dem Begleiten von Tausenden von Schülern aller Altersstufen und sozialer Schichten haben sich Gewissheiten gebildet, die für all die Anstrengungen entschädigen und die offene Leidenschaft nähren.
Heute halte ich nur noch an dem fest, was mich weiterhin in der Idee, die dem kriegerischen "Weg" zugrunde liegt, bestärkt, und die so wenig von der Mehrheit wahr genommen wird, die sich für die Getreuen hält. Diese tiefliegende Auffassung des "Weges" ist sehr weit vom sportlichen Ausdruck der Kampftechniken entfernt, weit von den reinen Bedürfnissen der Selbstverteidigung oder den Mitteln, um dem Ego zu schmeicheln und einen Platz in der sozialen Hierarchie (durch das Erhalten von Graden, die wie äußere Zeichen der Macht getragen werden) einzunehmen. Die Kunst des Kampfes ist unendlich viel reicher und großzügiger für diejenigen, die an sie auf eine andere Art als mit dem Blick für den Gebrauch auf erster Ebene herantreten.
Die Kampfkünste sind zahlreich in Japan, China, Korea, Vietnam, Indien, Indonesien, etc... Die, die wahrlich einer Betrachtung würdig sind, besitzen eine Dimension, die ein Verstehen auf zwei Ebenen erlauben. Zum einen die Dimension der Form, das heißt ihre kriegerische und gewaltsame Erscheinung, deren Meisterschaft bereits bestimmte Ergebnisse (Vitalität, physische Koordination, Konzentration, Aneignung eines praktischen Repertoires für den Fall der Verteidigung) mit sich bringt, und zum anderen die der Tiefe, ihrer geistigen, philosophischen, moralischen und religiösen Bestandteile, die noch viele Horizonte öffnen. Es ist genau diese Dimension, die in unserer Zivilisation von Heute und der von Morgen der Aufmerksamkeit würdig ist: als Ausübung einer Kunst, jenseits der nützlichen Grundtechnik, das "Do" (=Weg) von Karatedo, Aikido, Judo, Kendo, Kyudo, etc... auf die Suche nach Perfektion in der reinen Bewegung zielend, folglich mit Hilfe eines schweren Aktes die Suche nach dem Menschen, kostenlos und irgendwo schöpferisch. "Do" praktizieren, das ist entdecken, dass der schwerste und wichtigste Kampf nicht derjenige ist, den man gegen einen Gegner zu führen gelernt hat, sondern gegen sich selbst, gegen seinen Stolz, seine Selbstgefälligkeit, seine Gewalt, seine Ignoranz... Die Künste, die eine reelle Ausübung des "Do" erlauben, schlagen dem Menschen einen Weg der Selbstdisziplin ausgehend von der Kontrolle des eigenen Ego, seiner Ängste und folglich seiner Gewalt vor. In dem es ihn das "Ich" vergessen lässt, um "Sich-Selbst" zu entdecken, strebt dieser Mensch auf eine innere Einheit zu, die ihm in allen Dingen hilft, besser zu "sein" als zu "erscheinen", die ihn sich nicht mehr aus dem Gegensatz zum anders Seienden verstehen, sondern seine Identität in Harmonie mit den Dingen und Wesen gestalten lässt, die er anders "verstehen wird". Im von Meistern verschiedener Kampfkünste vergangener Generationen hinterlassenen, technischen Schema (welches man in Japan "Kata", in China "Tao",... nennt) befinden sich unterschiedliche Verstehensschlüssel (Bunkai) für diverse Effektivitätsstufen, angefangen beim einfachen und gewöhnlichen Kampf bis hin zur Suche nach dem, was die Tradition den "wahren Menschen" nennt. Mit der Entdeckung der Möglichkeiten von dem, was im Fernen Osten mit "Lebensenergie" (Ki, Chi,...) bezeichnet wird, kann der Übende einer Kampfkunst zum freien Schwingen mit der Energie des Universums geführt werden, anstatt sein Leben damit zu verbringen, versucht zu sein, seinen Rhythmus bis zur zerbrechlichen Existenz hinzuführen. Er, unendlich klein, kann mit dem unendlich Großen kommunizieren... Hieraus ergibt sich eine neue Sicht von sich und den anderen, von Leben und Tod, die es ihm ermöglichen wird, mit unendlich viel mehr Weisheit und täglichem Glück sein Leben zu leben. Die in der ersten Stufe erworbene und ein bestimmtes Gefühl der Unverletzlichkeit verleihende Kampftechnik überlässt den Übenden dem ewigen, im Laufe der Zeiten so lächerlichen Kampf des Menschen um seine Existenz. Die Kampfkunst führt zur Suche nach dem Absoluten. Dies ist die wahre Tragweite einer Praxis, die beabsichtigt, im Laufe eines intelligenten und gezielten Trainings den Menschen in gewisser Weise zu entblößen. Dies ist die in Form des Kampfes enthaltene Nachricht, von Generation zu Generation, von Meister zu Schüler übergeben. Aufgrund dessen besitzt die Form für sich alleine keine große Bedeutung, und keine Kampfkunst ist einer anderen überlegen, noch weniger eine Schule oder ein Stil. "Das, was im Menschen schießt, ist wichtig", sagte Meister Anzawa in Bezug auf das Kyudo, und auch "wenn es geschossen hat, ist es niemals vorüber". Ein Gedanke, der perfekt den Einsatz einer Praxis nach den Regeln des "Weges" zusammenfasst.
Eine Kampfkunst betreiben heißt, damit beginnen von der Natur zu lernen, von der wir ein Teil sind, ohne das wir uns dessen immer bewusst sind. Das heißt, mittels einer jeder Kunst eigenen Techniken eine äußere Gefahr zu bekämpfen lernen, wobei man sehr häufig natürliche Verhaltensweisen von Tieren im Kampf nachahmt (Tiger, Schlange, Bär, Kranich, Adler, Leopard, Gottesanbeterin,...). Das heißt, die Geschmeidigkeit des Wassers für eine Ausweichbewegung, die Kraft des Windes für einen Konter, die Lebendigkeit des Feuers, die Stabilität des Felsens zu entdecken.
Und sich darüber hinaus auf dem Weg der Kampfkunst zu engagieren, was bedeutet, sich mittels einer Art körperlicher und geistiger Nachahmung daran zu wagen, auf die Kräfte des Universums, seinen Rhythmus und seine unumgänglichen Polaritäten (wie das negative Element "Yin" und das positive Element "Yang") zu hören, welche jedesmal eine Problemquelle darstellen, wenn sie nicht respektiert werden, und schließlich dass man sich hierin als Teil der Schöpfung integriert.
Jenseits von der Raserei des sportlichen Wettkampfs ist dies der durch die Tradition gelehrte Weg, der es dem Wesen, befreit von all seinen geistigen Blockaden, die es von den anderen isoliert, kurz dem "gebildeten Menschen", erlaubt zum Vorschein zu kommen.
Die Kunst des Kampfes ist ein Weg für das ganze Leben. Eine Sammlung von Hinweisen, die es ermöglichen, zu den Quellen der ewigen Unruhe des Menschen - besorgt, sich während seiner kurzen Zeit der Durchreise zu finden - vorzudringen und ihm einige beruhigende Antworten zu suggerieren. Seine "Lebensenergie" wird nicht mehr aggressiv sein, sondern wird sich nützlich für alles, wofür die Welt konstruktive Energie benötigt, einsetzen. Wären die Kampfkünste nur die Wissenschaft vom Kampf Mann gegen Mann, würden sie uns kaum mehr etwas in der heutigen Welt bringen, die tausend-und-eine völlig aktualisierte Arten Krieg zu führen bereitstellt. Wenn sie es weiterhin verdient, mit der Sorge und extremen Vorsicht, dass sie immer im "rechten Geist" gelebt werde, an zukünftige Generationen weitergegeben zu werden, dann deshalb, weil sie ein unvergleichbares Mittel zu einer phantastischen inneren Reise, ein geschickter, zum Herzen des Menschen führender Weg ist. Durch die Meisterschaft der von Natur aus gewalttätigen, kriegerischen Gesten entdeckt der durch den Meister geführte Übende die Überlegenheit einer realistischen und vernünftigen Gewaltlosigkeit und von hier aus die jener einfachen, taktvollen Anwesenheit mit einer abratenden und schützenden Wachsamkeit, was seinerseits von einer Gesellschaft mit pazifistischen Sehnsüchten akzeptiert werden kann. Wir fühlen sehr wohl, dass unsere von Gewalt und Einsamkeit kranke Gesellschaft, die nicht aufhört, darüber laut zu werden und sich über den Verlust der sichernden Wärme alter Traditionen zu beklagen, Mittel zum Dialog zwischen den Rassen und Kulturen, zwischen Jung und Alt, allen sozialen Schichten untereinander braucht. Die Kampfkunst kann heute ein außergewöhnlicher Lehrhebel für die Jugend auf der Suche nach Werten sein, die es ihr erlaubt, sich in die Reihe der Generationen einzuordnen. Wohl sind es diese ewigen Werte, an die unsere Gesellschaft versucht, manchmal ohne es zu wissen, sich festzuklammern, um nicht noch mehr unter der Wirkung leichter Ideen, feil geboten von einer Zivilisation des Konsums, zu verkommen. Wohlan die Ideen der Kampfkunst, und zum Teil schon die eines ersten Zugangs, der ausgeübte Kampfsport (sowohl zum Vergnügen als auch mit dem Wettkampf als Ziel) erinnern an Mut, Wille, Ausdauer, Sinn für Anstrengung, Geradlinigkeit, Respekt, Selbstbeherrschung, Bescheidenheit... all das durch die geduldige und unermüdliche Deklination der technischen Tonleiter mit kriegerischem Klang. Natürlich schlägt man im Karate mit Händen und Füßen, verdreht man im Aikido den Arm des Gegners, wirf man im Judo... Das Alles ist Nichts... Nur ein halboffenes Tor hin zu einem weiten Feld. Der wahre Lohn all dieser Mühen besteht nicht in einer Art Unbesiegbarkeit oder Herrschaft über den anderen. Es ist eines Tages eine Art innere Erleuchtung, die Entdeckung des Offensichtlichen: es genügt, sich fähig zu wissen, die eigene Gewalt und die des anderen zu kontrollieren, um kein Verlangen mehr nach Zuflucht zur Gewalt zu verspüren. In den Kampfkünsten kontrolliert immer die Ethik die Waffe...
Man sagt, dass es zwischen zwei wahren Meistern der Kampfkunst nie zu einem Kampf kommen kann... nicht weil ihre Techniken gleich wirksam sind, sondern weil sich in ihnen kein aggressiver Drang befindet. Die beiden alten Weisheiten des japanischen Budo sind wahr, welche besagen, dass "das Schwert ein Schatz in seiner Scheide ist" und "Wenig zählt die Länge des Schwertes, wenn der Mensch die Wahrheit missachtet". Hier ist "der Geist der Technik", wie ich ihn mit absoluter Überzeugung und unendlicher Freude fortfahre in meinem Dojo zu unterrichten, so lange es mir noch möglich ist.

 

Roland Habersetzer (*1942, 8. Dan Karate) begann 1957 mit dem Studium des Jûdô und des Jûjutsu. Ein Jahr später entdeckter er das Karate und wurde in dieser Kampfkunst bereits 1961 der jüngste Dan-Träger Frankreichs. Da ihm jedoch die sportlichen Tendenzen des Karate missfielen, gründete er 1974 mit dem „Centre de Recherche Budô“ (CRB) eine Organisation, die sich speziell den geistigen Werten der Kampfkünste verschrieben hat. Habersetzer ist Experte im Shôtôkan- und Wado-Ryû Karate, sowie in verschiedenen Taijiquan- und Kungfu-Stilen. In Annerkennung seiner Leistungen wurde ihm 1992 in Japan der 8. Dan verliehen. Seit 1968 hat Habersetzer mehr als 60 Werke über die Kampfkünste veröffentlicht. Zu den bekanntesten gehört wohl seine Studie über das Bubishi von 1995, die seit kurzem auch in deutscher Sprache verfügbar ist (www.bu-bi-shi.de). Habersetzer unterrichtet heute in seinem Dôjô in Straßburg, Frankreich und gibt auch regelmäßig Lehrgänge europaweit. Nähere Informationen gibt es hier.

 

 

 

© Roland Habersetzer

Der Text wurde mir mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Lang zur Veröffentlichung auf dieser Seite zur Verfügung gestellt.

 

www.Tsuru.de

Erstveröffentlichung auf dieser Homepage: 15.02.2005

 

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