Das Graduierungssystem in den

modernen japanischen Kampfkünsten:

Modern vs. klassisch

 

- von Donn F. Draeger -

(Vortrag vom 01. April 1976)

(übersetzt von Matthias Golinski)

 

 

Soweit wir wissen, begann es wahrscheinlich 1883, ein Jahr nachdem mit Kano Jigoro vom Kodokan das System gegründet hat. Er verlieh Fähigkeits-Grade an seine Judo-Schüler, seine Vertreter, auf der Basis „Kyu“, was als „Klasse“ oder „un-graduiert“ übersetzt werden kann, und „Dan“. Das sind, wenn man so will, „Grade“ oder Stufen. Dies war der Beginn des Schwarzgurt-Systems.

 

Die Dan sind die so genannten „Schwarzgurte“. Schwarzgurtträger werden als Yudansha bezeichnet. Die Kyu-Träger sind Mudansha, wobei Mu wörtlich „nichts“ bedeutet.

 

Jetzt ist das Schwarzgurt-System das Produkt einer Bauern-Klasse und nicht der Krieger-Klasse. Der Bürgerlichen. Dr. Kano war ein Bürgerlicher, ein wohlhabender Bürgerlicher. Seine Familie besaß eine Sake-Fabrik. Er war ein Kaufmann (die unterste soziale Klasse). Wäre er ein Teil des Tokugawa-Japan gewesen, wäre er am unteren Ende der sozialen Bandbreite gewesen. Dementsprechend ist jeder Versuch, das Dan (Schwarzgurt)-System mit dem Kriegstraining in Japan zu verbinden, auf Basis der Geschichte fehlerhaft. Man kann eine moderne Kampfkunst an der Tatsache, dass Schwarzgurte und andere Kyu-Grade vergeben werden, erkennen. Das ist einer der unfehlbaren Tatsachen.

Allerdings nicht alle von ihnen. Einige haben das, besonders wegen dem ganzen Unsinn und der Politik die damit einhergeht, absichtlich vermieden.

 

Die klassischen Künste verwenden das Schwarzgurt-System nicht. Wobei man jetzt bedenken muss, dass sich die klassischen Künste vom 8. Jahrhundert bis 1877 erstrecken. Doch was haben sie benutzt? Schließlich sind die Japaner, wie jede Gesellschaft sehr rang- und prestige-bewusst. Wie sie es von den Chinesen gelernt haben, waren Hof-Ränge und dergleichen wichtig für die soziale Struktur.

Also verwendeten sie eine Methode, welche sie das Menkyo-System nannten. Die Vertreter der klassischen Künste erreichten das Menkyo und der Beweis dafür wurde auf ein Densho oder Makimono geschrieben. Dies war ein Zertifikat für ihre, einem bestimmten Level entsprechenden Fähigkeiten.

Nun gibt es unterschiedliche Menkyo-Level, aber weit weniger als Schwarzgurt-Stufen. Schwarzgurte sind, ebenso wie die darunter liegenden Kyu, sehr fein unterteilt. Die Grundlage des Kyu- und Dan-Systems ist kommerziell. Denken Sie nicht, dass es nicht so wäre. Sogar in Japan. Es wurde zwar für Prestige und Annerkennung entwickelt, aber ursprünglich war der kommerzielle Zweck, den Kodokan im Geschäft zu halten. Heute ist das Ganze, in Japan wie im Westen, aus dem Verhältnis geraten. Es gibt viel falsche Verwendung und Missbrauch, doch das ist heute nicht unser Thema.

 

Das Menkyo-System hat eine große Integrität. Es gibt weit weniger Stufen. Im Allgemeinen gibt es drei bis fünf Menkyo-Stufen, welche sich über die ganze Spanne des Lebens erstrecken. Vergleichen Sie das einmal mit modernen Systemen. Abhängig vom System, kann es bis zu 10 Kyu und 10 verschiedene Dan-Grade geben. Das sind dann zwanzig Unterstufen in dem heutigen System. In den kriegerischen Systemen gibt es drei bis fünf, wobei ich auch schon von einem System mit neun und einem mit zwei gehört habe. Entsprechend meiner Erfahrung erstreckt sich der Bereich also von zwei bis neun Stufen; weit weniger als beim Kyu- oder Dan-System. Somit ist die Bedeutung des Kyu- oder Dan-Systems nicht sehr groß.

 

Jetzt werde ich es Ihnen auf der Basis eines hypothetischen Standards erklären. Das niedrigste mögliche Menkyo kann Okuiri genannt werden. Dies bezieht sich auf den Zen(-Buddhismus, Anm. d. Übers.). Oku heißt „Geheimnis“, iri bedeutet „eintreten“; also in das Geheimnis eintreten. Wenn Sie sich an die gestrige Lesung erinnern; da habe ich Ihnen den Unterschied bei der Verwendung von Okuden in China und Japan erklärt. In China war es, um die Erleuchtung zu bestätigen. „Mein Sohn, du bist angekommen, hier ist dein Zertifikat“. In Japan ist dies die Bescheinigung, welche es Ihnen erlaubt, den Pfad zur Erleuchtung zu betreten.

 

Das Okuiri ist also die unterste Stufe. Es ist eine Lehrer-Lizenz der ganz niedrigsten Stufe und variiert mit dem Ryu (jap. Schule/Stil, Anm. d. Übers.). Die konservativsten Stile verlangen vier Jahre Training. Diese erfolgen für gewöhnlich unter einem Großmeister. Unermüdliche, unerschütterliche Hingabe zu einem System. Vier Jahre sind hier das Minimum. In einigen Ryu geht dies sogar bis zu acht Jahren Lehrzeit.


Das Nächste wird Mokuroku genannt. Mokuroku bezeichnet einfach eine Art Verzeichnis oder Katalog. Ihr Name wird, nachdem Sie diese Stufe durchlaufen haben, in den offiziellen Katalog, das Verzeichnis, des Ryu eingetragen. Vorher erscheint Ihr Name dort nicht.


Hier gibt es für gewöhnlich zwei Stufen. Die niedrigere, Shomokuroku bedeutet "Anfang". Sho, hatsu und go, "später". Dies ist aber nicht immer zutreffend. Auch wenn einige Schulen dies nicht verwenden, sind zwei Mokuroku-Stufen möglich. Das Shomokuroku dauert von mindestens acht bis zu 15 Jahren. Das Gomokuroku soll sogar noch weiter gehen und 17 Jahre ortsansässigen Unterricht unter einem Großmeister, also kein Fernstudium, umfassen.


Die nächste Stufe ist das Menkyo, die "Lizenz". Sie werden dann als qualifizierter Lehrer anerkannt. Dies ist die Stufe, bei welcher Sie auf Ihren eigenen Füßen stehen können und Ihr Ryu Sie als anerkannten Lehrer unterstützt. Zuvor galten sie mehr oder weniger nur als Assistent. Das Menkyo umfasst ungefähr fünfzehn, siebzehn, bis zu zwanzig Jahren Training. Hier werden übrigens keinerlei Kompromisse gemacht, ganz egal wie gut man ist. Ich werde gleich erklären warum.


Darüber hinausgehend gibt es noch weitere. Allgemein ist das Kaiten und umfasst ca. dreißig Jahre Erfahrung.


Dies sind die Stufen. Nun werden Sie verstehen, warum so etwas nicht in einer kommerziellen Schule funktionieren kann. Ein Junge kommt angelaufen und sagt: "Hey, uhhhhh, ich habe jetzt vier Wochen trainiert, wo ist mein Orangegurt?" "Nun ja mein Sohn, ich sage dir das weiß Gott nicht gern, aber du musst mindestens noch vier Jahre weiter trainieren, bevor wir über deinen ersten Gürtel sprechen können." "Was meinst du damit, meinen ersten Gürtel? Du weißt, dass ich dich immer gut bezahlt habe." Und so weiter und so weiter. Das passt nicht zum kommerziellen System. Aber Integrität ist fantastisch. Sie werden niemals einen Mokuroku-Inhaber finden, der besser als ein Menkyo-Inhaber ist. Wenn er nicht zu diesem Level aufschließen kann, bekommt er es auch nicht. Auch nicht, wenn er der Vater des Dojoinhabers ist. Diese Regel wird nicht gebrochen. Ich werde Ihnen ein Beispiel für diesen Anstand geben.


Es gibt einen Ryu in Japan, wo die Hauptfamilie, also diejenige welcher der Stil vor fünf oder sechs Jahrhunderten entstand, den direkten Nachkommen in der 20. Generationen nicht in der kriegerischen Tradition der Schule üben lässt, da er eine schlechte Einstellung hat. Ihm ist es nicht gestattet, irgendwie körperliche zu trainieren. Er hat überhaupt keine Fähigkeiten mit dem Schwert oder sonst etwas. Er könnte ganz einfach seine eigene Urkunde schreiben oder seinen Großvater sie schreiben und stempeln lassen und diese dann an die Wand hängen. Das wäre sein Recht. Es ist ja seine Familie. Doch er wird so etwas nicht tun. Es gibt jemanden, der nicht dem Blut der Familie entspringt und entsprechend seiner Qualifikation für ihn unterrichtet. So hieb- und stichfest ist das Ganze.

 

Wenn Sie nun jemanden hören, der sagt: "Ich übe diese oder jene Art des Jujutsu. Ich habe den fünften Dan im Jujutsu", dann trifft eins von zwei Dingen zu: Entweder ist er ein Lügner oder er war einer. Keine Jujutsu-Schule in Japan vergibt Schwarzgute oder Kyu. Sie verwenden das Menkyo-System. Was es heißen könnte, und das wäre die positive Version, ist, dass das System zwar die Bezeichnung Jujutsu verwendet, aber selbst außerhalb Japans, oder innerhalb Japans von einer Gruppe, die selbst nichts mit der klassischen Tradition zu tun hat, gegründet wurde. Wie dem auch sei, das ist egal. Sie haben ein neues System begründet und verwenden die alte Bezeichnung "Jujutsu".

Sie leihen sich einen alten Begriff aus. Um es anders zu sagen: Es ist möglich, dass es Ehrlichkeit und Integrität in diesem System gibt, aber es ist kein Jujutsu-System. Auf der anderen Seite verwenden alle Do-Systeme, Judo, das Gegenstück des Jujutsu, Dan und Kyu. Kendo, Naginata-do, Iaido, in jedem Do-System können sie erwarten, Kyu und Dan zu finden. Also gibt es zwei Parallelen, die Sie auseinander halten können: Jutsu für das Menkyo-Sytsem und Do für Kyu und Dan.


"Bezeichnet Jutsu dann häufig die älteren Systeme?" Ja. Sie sind die Vorfahren der Do-Formen. Es gibt keine Do-Form, keine traditionelle Do-Form, die für sich genommen ohne jeden Vorfahren, oder Jutsu-Vorgänger allein steht. Es muss einen Ursprung geben. Manchmal sind diese Ursprünge nicht einfach aufzuspüren, da sie irgendwie verwischt wurden. Die Geschichte wurde vergessen. Aber sie alle haben irgendwo Wurzeln im Jutsu.


Ich denke, dass dies besonders heute sehr wichtig ist, weil es soviel Verunsicherung gibt. Einiges davon ist ehrliche Verunsicherung. Da ist eine unglaubliche Menge von Betrügereien im Gange. Die Menschen wollen nur schnell Geld machen. Sie verwenden Worte, die häufig gebraucht werden und ein gewisses Prestige beinhalten und die Menschen werden angelockt. Sie bezahlen ihre Beiträge, Sie lernen die Kunst und vielleicht, gut oder schlecht, dass weiß ich nicht, wird ein Graduierungssystem benutzt, um sie anzuziehen. Wenn man das Graduierungssystem weglassen würde, hätte man wohl nur sehr wenige Schüler. Etwas Psychologie ist hier also auch dabei.

 

 

Donald „Donn“ Frederick Draeger (15.04.1922-20.10.1982) begann mit sieben Jahren in Chicago mit dem Jū-Jutsu-Training. Durch seine Tätigkeit für das US-Militär verbrachte er nach dem Zweiten Weltkrieg über 10 Jahre in Japan und studierte dort mit großem Erfolg diverse Kampfkünste. So bekam er etwa als erster Nichtjapaner die Lehrerlaubnis (Menkyo Kaiden) im Tenshin Shōden Katori Shintō-ryū oder übte im Kodokan mit Judo-Legenden wie etwa Kotani Sumiyuki (1903-1991, 10. Dan) oder Mifune Kyuzo (1883-1965, 10. Dan). Draeger verfasste insgesamt 23 Fachbücher (u.a. zusammen mit Nakayama Masatoshi, Ishikawa Takahiko, Inokuma Isao oder Robert W. Smith) und mehr als doppelt so viele Fachartikel. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die dreibändige The Martial Arts and Ways of Japan“-Reihe, „Weapons and Fighting Arts of the Indonesian Archipelago“ und seine Übersetzung der dreibändigen The Deity and the Sword“-Serie. Seine Werke gelten auch heute noch unter vielen Kampfkunstforschern als wegweisend.

 

Druckversion (als PDF-Datei)

 

© Übersetzung, Matthias Golinski

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Erstveröffentlichung auf dieser Homepage: 15.03.2009

 

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