Budo-Training in Japan

– verfasst von Jon Bluming –
(übersetzt von Matthias Golinski)

 

Ich trainierte vom Februar 1959 bis zum November 1961 Budo in Japan und mein gewöhnlicher Trainingsplan war folgendermaßen:

(Ich weiß, es hört sich jetzt schrecklich an, aber damals liebte ich es.)

Montags, mittwochs und freitags machte ich morgens von 9.00 bis 10.30 Uhr Krafttraining im Korakuen Gym. Dies war früher der alte Kodokan in Suidobashi und war zu dieser Zeit Trainingsort der Japan Karate Association. Donn Draeger war mein Fitness-Trainer und Isao Inokuma war einer meiner normalen Trainingspartner.

Ich werde nie mein erstes Krafttraining vergessen. Ich mache Squats (Hantelkniebeugen, Anm. d. Übers.). Wir begannen mit 60 Kilos und 20 Wiederholungen. Meine Beine zitterten, als ich fertig war. Aber Donn war noch lange nicht fertig. Er legte einfach ein paar Scheiben mehr drauf und wir gingen hoch auf 120 Kilo. Das war damals ziemlich viel für mich. Ich bekam kaum die Hantel hoch bevor ich sagte: „Wir müssen JETZT wieder runter!“.

 Nur drei Treppen tiefer konnte man Fruchtsäfte und ähnliches kaufen. Ich setzte meinen Fuß auf die erste Stufe und das war's. Zum zweiten Schritt kam ich gar nicht mehr. Ich fiel einfach hinunter. Ich dachte: „Ich brauche immer noch meinen Orangensaft“, also krabbelte ich rüber. Ich wollte nach Hause gehen, aber Donn sagte: „Nicht ausruhen. Du gehst üben.“ Ich sagte: „Die werden mich umbringen.“ „Na und? Lass sie denken, dass sie dich hätten.“

 Also stolperte ich zum Dojo (Kodokan, Anm. d. Übers.), wo sogar die Braungurte mich wie einen kleinen Jungen herumwarfen. Sie mussten mich nur ansehen und das war's für mich.

Nach dem Mittagessen war von 2.00 bis 3.00 Uhr Jojutsu, Training mit dem kurzen Stock. Die Training fand entweder in der Tomisaka Polizeistation oder im Tokyo Kidotai (Polizeiakademie) statt. Der Ausbilder war Takaji Shimizu.

Dann ging ich für ein Nickerchen zurück in den Kodokan. Danach ging ich die Treppe rauf ins Haupt-Dojo, um von 4.00 bis 6.00 Uhr soviel wie möglich zu kämpfen. Nach einem kurzen Happen zu essen, ging es rüber ins Oyama-Dojo, um von 7.30 bis 9.00 Uhr Kyokushin-Kai Karate zu üben.

Bluming beim Hanteltraining im Korakuen Gym. Im April 1959 versuchte Bluming Mas Oyama (links) von den Vorteilen des Krafttrainngs zu überzeugen, doch dieser ging niemals darauf ein.

Dienstags und donnerstagmorgens ging ich von 9:00 bis 10.30 Uhr ins Keisho, dem Polizei-Dojo. Die Judoka waren dort härter und für gewöhnlich schwerer als im Kodokan. Einmal im Jahr fand ein Turnier der Polizei gegen die Studenten statt. Es war ein herrlich anzusehendes Spektakel und häufig gewann die Polzei.

 Nach dem Mittagessen ging ich für das Iaido- und Kendo-Training rüber ins Tomisaka-Polizei-Dojo. Das Training dauerte von 1:00 bis 2:00 Uhr und der Trainer war Ichitaro Kuroda Sensei.

 Dann wieder zurück zum Kodokan für ein Schläfchen, Eineinhalb Stunden Judo auf der Hauptfläche, Abendessen und zum Schluss rüber zum Oyama-Dojo für etwas Karate.

Von links nach rechts: Bluming, Shimizu und Draeger in der Tomisaka Polizeistation im August 1959.

 

Samstags und sonntagmorgens ging ich für zwei Stunden rüber in Kyokushin-Kai Dojo und dann am Nachmittag wieder in den Kodokan. Dazwischen und danach verkaufte ich mit Bill Backhus Lexika auf den US-Stützpunkten um Tokyo.

 Wirklich phantastisch ist, dass Bill und ich immer noch Zeit für Frauen hatten. Japanische Frauen sind meiner Meinung nach die nettesten der Welt.

Der Iaido-Lehrer Ichitaro Kuroda Sensei lehrte mich viel über die Bedeutung des Budo. Er war einer dieser sehr geduldigen Lehrer. Sehr ernst und seiner Kunst und dem Budo sehr ergeben, aber mit einem Lächeln und einem netten Wort. Ich habe ihn nicht einmal ärgerlich erlebt, oder dass er etwas anderes als Liebe und Respekt gegenüber seinen Schülern geäußert hat, ganz egal wie ungeschickt wir uns auch anstellten. Er gab gute Ratschläge, welche ich leider nicht immer befolgte.

Bluming während seiner Prüfung zum 3. Dan im März 1959 im Kodokan. Die Technik war Okuri-Ashi-Barai.

Jo-Unterricht im Tomisaki-Polizei-Dojo im Herbst 1959. Von links nach rechts: Bluming, Kuroda und Draeger (mit Kamera).

Ich begann das Training bei ihm zur selben Zeit, als Donn Draeger und ich feststellten, dass es wohl besser für mich wäre, wenn ich das Schwert wegstecken kann, ohne dabei ein paar meiner Finger zu verlieren, oder einen kleinen Schnitt an der Hand zu bekommen (was meistens geschah). Neben dem Schwert übten wir mit Kuroda auch mit dem Stock (Jo) und dem Kusari Gama, ein Ball oder eine Sichel an einer Kette. Bill Fuller begann das Training dort ein paar Monate später; Jim Bregman kam auch ab und zu vorbei. Quintin Chambers und die anderen Jungs begannen ihr Training erst Jahre später.

 

Ich habe nur ein Mal eine Klasse verpasst. Als Sensei mich das nächste Mal sah, fragte er mich, warum ich nicht da war. „Ich habe einfach nicht das wenige Geld, um Sie zu bezahlen“ sagte ich. Er lachte und sagte, dass Geld nicht wichtig sei. Geist und Einstellung seien es, was zählt, nicht Geld und ich könnte dennoch kommen. Auch wenn ich das Geld nicht hätte, würde er mich trotzdem unterrichten.

 So war Kuroda immer. Kein Wunder, dass er von all seinen Schülern wirklich beneidet, geliebt und respektiert wurde.

 Das ist auch wahres Budo.

 Bedauerlicherweise wurde er später aufs Kreuz gelegt, als alle möglichen Europäer und Amerikaner seine Prinzipien und Ehre ausnutzten, um ein hochqualitatives Training umsonst zu bekommen.

 Im Sommer 1961 wusste Oyama, dass ich Japan bald verlassen würde, und verdoppelte das Kyokushin-Kai Kata-Training mit mir. Bald hatte ich keine Zeit für etwas anderes als Prüfungen und Prüfungsvorbereitung mehr. Trotz all diesem Extratraining trug ich in Oyamas Dojo immer noch einen weißen Gürtel. Dies war mein privater Spaß. Anfänger dachten immer, dass ich einer von ihnen war, doch nachdem ihnen jemand gesagt hatte, wer ich war, nannten sie mich Sempai (Älterer).

Von links nach rechts: Mas Oyama, Bluming und Bill Backhus im April 1959. Der Anlass war eine Prüfung vor der japanischen Presse.

Gast-Schwarzgurte liebten es immer, die Anfänger (und dabei besonders die Ausländer) niederzumachen. Natürlich fand ich es dann auch recht lustig, wenn sie öffentlich von einem Gaijin-Weißgurt bloßgestellt wurden. Außerdem war es für mich weniger peinlich.

Zum Beispiel sah ich die Prüfung bei der Bobby Lowe seinen Schwarzgurt trug; und die stank wie ein Abwasserkanal. Beim Kumite mit Kenji Kurosaki lag er die ganze Zeit auf dem Boden. Jedes Mal, wenn Kurosaki vorkam, ließ er sich auf den Boden fallen und zog, wie ein feiger Hund, sein Bein an. Am Ende trat in Kurosaki hart in den Ar*** und sagte ihm, dass Karate im Stehen geübt wird.

 

Im Juni 1966 wurde Bill Backhus und Jon Bluming von der Tokyoter Polizei eine Auszeichnung für die Mithilfe bei der Ergreifung einiger Auto-Dieben verliehen. Hier erhält Bluming seine Auszeichnung vom Oberkommissar der Tokyoter Polizei. Links im Bild sind Ichitaro und Donn Draeger.

 

Wie dem auch sei, meine ersten bedeutenden Prüfungen legte ich eher im Jodo und Iaido, als im Karate ab. Ende August 1961 wurden Donn und ich für eine Demonstration bei den All-japanischen-Kendo-Polizeimeisterschaften im Hibiya Amphitheater eingeladen. Das japanische Fernsehen war dort und übertrug die Veranstaltung live. Es war ein großer Erfolg. Aber was wir zu dieser Zeit nicht wussten, war, dass dies auch gleichzeitig unsere Prüfung war. So erhielten wir nach der Demonstration herzliche Glückwünsche von den Lehrern des Polizei-Dojo sowie unsere 3. Dan-Urkunden und die niedrigsten Lehrer-Lizenzen.

Danach verbrachten Donn und ich einige Tage in Ninomiya, was ungefähr 40 Kilometer von Tokio entfernt am Meer liegt. Wir wohnten in einem wunderschönen alten Gasthaus mit einem hübschen Garten und Zugang zum Stand. Wir schwammen, redeten und trainierten mit unseren Holzschwertern. Die Wellen waren manchmal bis zu acht Meter hoch und unter ihnen herzutauchen war ungefähr so, als ob man von einer riesigen Hand gegriffen, über die Muscheln am Boden geschabt, umgedreht und dann wie eine Stoffpuppe an den Stand geworfen wird. Nachdem ich eine Weile versucht hatte, diese Hand zu bekämpfen, war ich so erschöpft, dass ich den Krabben am Stand mein Frühstück anbot. So lernte ich, dass man eine große Welle nicht aufhalten kann. An diesen Tag werde ich mich mein Leben lang erinnern.

 

Bobby Lowe aus Hawaii 1959 bei einer Prüfung im (Kyokushin-Kai) Hombu Dojo. Obwohl er Steine zerschlagen konnte, war er laut Bluming als Kämpfer ein hoffnungsloser Fall. Von links nach rechts: Bill Backhus, Mas Oyama, Bobby Lowe und Jon Bluming. Man beachte Blumings weißen Gürtel; Im Kodokan trug er auch einen, bis die Vereinsleitung ihm mitteilte, dass er dies nicht machen könne, da es schlecht für die Moral der Anfänger sei, wenn sie sehen, wie japanische Team-Kapitäne von großen, ausländischen Weißgurten geworfen werden.


 

Das Photo wurde während der Demonstration für das japanische Fernsehen im August 1961 aufgenommen. Bluming steht links und Draeger rechts.

 


Jon Bluming (06.02.1933, 10. Dan) kam zum ersten Mal während des Korea-Krieges mit den Kampfkünsten in Kontakt. Nach seiner Rückkehr nach Amsterdam begann er im November 1953 sein Judo-Training unter Dr. Gerd „Opa“ Schutte. Bereits im September 1956 gewann er die EM. Als 3. Dan reiste er im Januar 1959 über Kanada nach Japan. Dort trainierte er im Kodokan mit Judo-Legenden wie etwa Kotani Sumiyuki (1903-1991, 10. Dan) oder Mifune Kyuzo (1883-1965, 10. Dan). In dieser Zeit übte er auch zusammen mit Donn F. Draeger (1922-1982) ausgiebig unter Oyama Masutatsu (Mas) (1923-1994) und Kurosaki Kenji (10. Dan) im Kyokushin-Kai Karate. 1965 wurde Bluming als erster Ausländer mit dem 6. Dan im Kyokushin-Kai ausgezeichnet. Er ist im Karate und Judo ungeschlagen. Oyama sagte einmal: "Finde einen Kämpfer, der Jon Bluming im Kampf K.o. schlägt, und ich gebe ihm meinen 8. Dan." Die Herausforderung wurde bisher von niemandem ernsthaft

angenommen. Außerdem hat Bluming die Judo-Legende Anton Geesink (10. Dan) bislang sieben Mal herausgefordert. Auch hier kam es nie zu einem Kampf. Bluming trainierte Champions wie Chris Dolman (4xWM) oder Willem Ruska (2x Olympia-Gold, 3xWM). 1980 gründete er den „Kyokushin Budokai“-Verband. 1988 wurde er als Annerkennung für seine Leistungen in Japan zum 9. Dan im Judo ernannt. Im September 1994 kam (ebenfall in Japan) der 10. Dan Karate hinzu. Darüber hinaus hält er Graduierungen im Bo-Jutsu, Iai-Jutsu, Jodo (jeweils 4. Dan) und im Kendo (2. Dan). Nähere Informationen unter www.jonbluming.com

 

Druckversion (als PDF-Datei)

© Matthias Golinski, 2005
www.TSURU.de

Der Text wurde mir mit freundlicher Genehmigung des Autors zur Veröffentlichung auf dieser Seite zur Verfügung gestellt. Die Abbildungen stammen von Joseph Svinth.

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